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Geschichte(n) des Hauptgestütes Trakehnen.

Erinnerungen an die Kindheit und die Jugendjahre in Trakehnen : Ein Zeitzeuge berichtet

Fritz Alshuth gehörte im Jahr 1993 zu den Gründungsmitgliedern des Trakehnenvereins. Fritz Alshuth ist Trakehner Urgestein.

Im Jahr 1911 wurde er noch zu Kaiser Wilhelms Zeiten als Sohn des Oberrentmeisters, Waldemar Alshuth, im Preußischen Hauptgestüt Trakehnen geboren. Wie könnte es anders sein: Mit Herz und Seele ist er seiner Heimat, jenem viel gerühmten Heiligtum der Pferde, tief verwurzelt geblieben. Nach dem bitteren Kriegsende fand er mit seiner Familie seine zweite Heimat in Bad Oldesloe, wo er als Gymnasiallehrer für Deutsch und Musik über viele Jahre tätig war, bis er Mitte der 70-er Jahre als Studiendirektor in Pension gehen konnte.

Als im Jahr 2007 der Trakehnenverein erstmalig wieder nach dem 2. Weltkrieg in Trakehnen das 275-jährige Gründungsjubiläum des ehemaligen Hauptgestüts feiern konnte, war unter den zahlreichen Gästen aus ganz Europa auch der damals 96-jährige Studiendirektor Fritz Alshuth. Die Liebe zur Musik und zum Musizieren auf dem Klavier hat ihn in seinem Lebensmut bis in die letzten Lebensjahre bestärkt.

Das folgende Interview mit ihm hat im Jahr 2007 stattgefunden. Fritz Alshuth war ein langes Leben vergönnt, er ist im Alter von 101 Jahren gestorben.

Herr Alshuth, wenn Sie an ihre ehemalige Heimat, jenes sprichwörtliche Paradies der Pferde, zurückdenken, welche ersten Kindheitserlebnisse begleiten Sie noch heute?

Wir- meine Eltern, meine Geschwistern und ich - wohnten im Haus der Gestütskasse. Diese lag zwischen dem Alten Hof und dem Neuen Hof oberhalb der Rodupp. Am Garten unseres Hauses kamen im Sommer jahrein, jahraus die Ackerpferde vorbei, die zur Ochsentränke geführt wurden. Sie prägten am stärksten eines meiner Erinnerungsbilder, wenn ihre beschlagenen Hufe auf dem Kopfsteinpflaster widerhallten. Das dumpfe Poltern auf der Brücke und das Rauschen und Plätschern des Wassers beim Schwemmen waren unüberhörbar und es schallte durch unseren Garten bis zu unserem Haus hinauf. In den Jahren meines Heranwachsens hörte ich häufiger das durchdringende Wiehern der Hauptbeschäler und erforschte die etwas abgelegenen Paddocks. Viele ihrer Bewohner lernte ich kennen - sowohl die kraftvollen Zuchthengste als auch ihre Wärter. Dort sah ich Tempelhüter, Jagdheld, Cancara, Dampfross, um nur einige zu nennen.

Der Hengst Cancara v.Master Magpie xx u. Cymbal v. Nana Sahib x,  geb. 1917, vor seinem Paddock auf der “Wartburg“

Am nächsten stand mir Ararad, den ich jahrelang von meinem Elternhaus beobachten konnte, wenn er aus seinem Paddock oberhalb der Rodupp in rasantem Tempo zum Fluss heruntergaloppierte. Dort verharrte er meist eine Weile und äugte über die ihn schützende Mauer hinüber. Später erlebte ich einmal, dass Ararad fast aus dem Stand über diese Mauer sprang.

Konnten Sie denn in ihrer Kindheit und frühen Jugendzeit schon eine gute Beziehung zu den Pferden aufbauen?

Natürlich wäre es undenkbar gewesen, mit derartig edlen Pferden verschiedensten Alters und aufgeteilt in mehrere größere Herden aufzuwachsen, ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Ohne dass ich eine überschwängliche Begeisterung für die Pferde verspürte, erfreute ich mich jedoch an diesen herrlichen Geschöpfen wie jemand, der von den Klängen wunderbarer Musik ergriffen ist. Ich sehe meine Begegnung mit den Pferden in Trakehnen immer im Zusammenhang mit den sie stets begleitenden Menschen. Wer sie erlebt hat, diese Gestütswärter, Kutscher, Gespannführer und Reitburschen, der kam zu der Überzeugung, dass sie beim Umgang mit den Pferden ihre Kraft im Wesentlichen aus großer Zuneigung zu den ihnen anvertrauten Schützlingen einsetzten und dadurch zu ihrem Teil an deren Charakterbildung mitwirkten.

Allmorgentlich wurden über viele Jahre hinweg Trakehner Kinder mit der “Glaskutsche“ , im Sommer mit der offenen “Brettdroscke“, auch Linie genannt, zum Bahnhof Trakehnen gefahren und dort auch wieder nach ihrer Rückkehr von der Schule in Gumbinnen abgeholt   

Wie sah es mit ihren ersten Reitversuchen aus?

Da gab es den Gestütswärter Urbanski bei der Fuchsstutenherde. Er war ein bisschen rundlich, sein ganzes Wesen strahlte Gutmütigkeit aus, alles was er sagte war von gewinnender Herzlichkeit. Seit Jahren kam er in unser Haus, um meinem Vater und mir die Haare zu schneiden. Seiner Aufforderung, ihn bei der Stutenherde auf der Weide zu besuchen, bin ich dann auch gefolgt. Dort setzte Urbanski, dem ich vertraute, mich auf sein gesatteltes Pferd. Zunächst hielt ich mich krampfhaft am Sattelknauf fest. An den folgenden Tagen durfte ich schon einige Runden an der Longe Schritt und Trab reiten. Ich war ja noch ein kleiner Pimpf, gerade mal sieben Jahre alt. Gelegentlich meiner Ausflüge zu Urbanski erlebte ich nicht nur eine ruhig grasende Herde von siebzig Stuten und Fohlen, sondern auch mal eine für mich damals beängstigende Situation, als die gesamte Herde plötzlich in Aufruhr geriet und in voller Pace in Richtung des Taukenischker Wäldchens davongaloppierte.

Jeder Trakehner Schuljunge lernte das Reiten, besonders in Kriegszeiten waren sie gefragt, wenn ihre Väter und Brüder im Kriegseinsatz  waren

Ihr Vater hatte in Trakehnen eine überaus verantwortungsvolle Aufgabe. Als Oberrentmeister war er der Finanzchef des ganzen Gestüts. Können Sie sich in dem Zusammenhang an besondere Begebenheiten erinnern?

Da mein Vater manchmal zur Begutachtung bestimmter Betriebsvorgänge auf einzelne Vorwerke (Gutshöfe) fahren musste oder eine Fahrt zum Bahnhof Trakehnen anstand, wurde ich häufig in den Fahrstall geschickt, um einen Kutschwagen zu bestellen. Dies war besonders aufregend, weil ich auf dem Weg zum Oberkutscher am Meutezwinger vorbei musste. Zumeist sprangen die Meutehunde mit lautem Gebell und ihren braun gefleckten Leibern gegen den Drahtverschlag. Mit äußerster Pünktlichkeit fuhren die Wagen zu der angegebenen Zeit vor unserem Haus vor. Ob Rappen oder Füchse vorgespannt waren, sie sahen alle glänzend aus Manchmal fuhren wir auch in die Romintener Heide. Am liebsten nahm ich dann den Platz auf dem Bock neben dem Kutscher ein, und häufig durfte ich auf dem Rückweg eine weite Strecke die Leinen führen.

Eines Tages musste mein Vater eine Waffe, einen Revolver, ausprobieren. Mir kam das etwas merkwürdig vor, bis er mir erklärte, dass er verpflichtet sei, diese Waffe beim Geldtransport von Gumbinnen nach Trakehnen bei sich zu tragen. Am Monatsende wurden in Trakehnen an alle Bediensteten, Gestüter und Landarbeiter, der Barlohn ausgezahlt. Insgesamt war das ein stattliches Sümmchen Geld. Mein Vater ließ sich dies auf der Reichsbank in Gumbinnen auszahlen, um es dann, bewaffnet mit dem besagten Revolver, sicher in seinem schnellen Gefährt nach Trakehnen in den Tresor zu bringen. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg waren natürlich ab und an etwas zwielichtige Gestalten auf den Straßen unterwegs.

Wie war das mit den Landstallmeisterfamilien? Bekamen Sie mal etwas persönlichen Kontakt oder lebten die oberen Chefs und ihr Anhang doch recht isoliert?

Mein Vater war oft zu Dienstbesprechungen beim Landstallmeister. Wir als Kinder und Jugendliche sahen ihn nur flüchtig, wenn er mit dem Kutschwagen oder zu Pferd unterwegs war zu den Vorwerken, um dort nach dem Rechten zu schauen.

Eberhard – Pip genannt- der Sohn des Grafen und der Gräfin Sponeck war mit mir gleichaltrig. Wir spielten zuweilen miteinander. Gräfin Sponeck, mehr bekannt als wagemutige Jagdreiterin, hatte auch eine ausgesprochen mütterliche und liebevolle Art, mit Kindern umzugehen. Daran kann ich mich noch gut erinnern.  

Mitte der 20-er Jahre, als ich dann das Reiten lernen wollte, nahm mich mein Vater eines Tages mit zur Dienstbesprechung bei Landstallmeister v. Lehndorff. Ich sollte ihm vorgestellt werden und gleichzeitig wollte mein Vater ihn bitten, mir die Erlaubnis zur Teilnahme am Reitunterricht zu geben, um später an den Geländeritten und Jagden teilnehmen zu können. Die Antwort des Grafen: “Selbstverständlich! Ein Trakehner Junge muss reiten können“. Dies waren kurz und knapp seine Worte, und schon war ich wieder entlassen.  

Die Söhne des Landstallmeisters - etwas älter als ich - waren recht mutige und waghalsige Jagdreiter, zu denen ich damals respektvoll hinaufschaute. Mit Hans Graf Lehndorff, er ging wie ich auf das Friedrich-Gymnasium in Gumbinnen, hatte ich ein besonderes Erlebnis: Die Fahrschüler und -Schülerinnen fanden sich morgentlich um sieben Uhr zwischen Post und Hotel zum Elch ein, um von dort im Winter mit der “Glaskutsche“ und im Sommer mit der „Linie“ , bespannt mit zwei kräftigen schnellen Pferden, an die Bahnstation Trakehnens gebracht zu werden. Einmal wollte es das Schicksal, dass wir auf dem Bahnhof den Zug verpassten. Hans Graf Lehndorff wollte als Primaner nicht den Unterricht versäumen. Er und ich entschieden uns, spontan die 14 km bis zur Schule zu Fuß zurückzulegen. Wir folgten den Schienen, oft im Laufschritt, und hatten in zwei Stunden unser Ziel erreicht. Dort wurden wir von unseren Lehrern für unseren Eifer gelobt.

Die vier Söhne des Landstallmeisters Siegfried v. Lehndorff v. l. Siegfried, Hans, Georg und Elard  auf Trakehner Pferden während einer Jagd in Trakehnen

Wen traf ich während meiner Studienzeit, ich studierte Deutsch und Musik, in Berlin wieder? Ich hatte eine schwere Lungenentzündung und war ins Krankenhaus eingeliefert worden. Da stand nun zu meiner großen Überraschung mein Schulfreund Hans Graf Lehndorff, der sich für den Arztberuf entschieden hatte, an meinem Krankenbett. Damals spürte ich zum ersten Mal, wie stark gemeinsame Heimat und unvergessliche Jugenderlebnisse verbinden. Dank seines persönlichen Einsatzes für mich wurde ich schon bald wieder gesund.  

Haben Sie denn das Reiten soweit gelernt, dass Sie später auch Jagden reiten konnten?

Jagdreiten, das war ja letztlich das Salz in der Suppe allen Reitens in Trakehnen. Im Frühsommer hatte ich mit dem regelmäßigen Reitunterricht begonnen. Schon bald im Spätsommer durfte ich an Geländeritten in der Abteilung unter Leitung des Sattelmeisters Kiaulehn teilnehmen. Als es dann an die Sprünge ging, kamen immer wieder die gleichen Instruktionen: “Zügel frei!“, “In die Mähne fassen!“, Nicht vornüber fallen!“ In den Herbstferien durfte ich dann meine erste Jagd reiten. Zuvor bekam ich vom Sattelmeister noch zwei spezielle Weisungen: “Dass Du mir nicht am Grafen vorbeireitest! Und den großen Trakehner Sprung am Schluss lässt Du aus!“ Der große Trakehner Sprung war allgemein gefürchtet. Er bestand aus einem nahezu zwei Meter hohen Wall, wobei sich davor und dahinter jeweils ein Graben befand. Westlich von Gurdzen begann die Jagd, vorweg die Meute mit den beiden Huntsmen dahinter der Graf – Master der Jagd – und dann das Jagdfeld. Zwar gelang es mir, mein Pferd – es war ein vierjähriger Fuchswallach mit Namen “Dämon“, der bereits die zweite Jagdsaison lief- zurückzuhalten, aber schließlich bekam er die Oberhand. Er preschte davon, holte schleunigst das Jagdfeld ein, schoss an dem entsetzt blickenden Sattelmeister vorbei, ging dann noch an dem amüsiert lächelnden Grafen vorbei, setzte entgegen aller Order über den großen Trakehner Sprung und erreichte zugleich mit den Huntsmen und der Meute das Jagdziel in der Nähe des Vorweks Taukenischken. Es war noch alles gut gegangen, gottlob keine harten Vorwürfe, sondern ein befreiendes Aufatmen und Lächeln des Sattelmeisters. Ich erhielt meinen Bruch und hatte mein Jagddebüt hinter mir.

Als ich 1952 Kiaulehn im Landgestüt Traventhal in Holstein zum ersten Mal nach sehr langer Zeit wiedersah, waren nach dem spontanen Ausruf “Herrjeh, der Fritz!“ seine ersten Worte “Erinnerst Du dich noch an den großen Trakehner Sprung bei Taukenischken auf Dämon!“ Sofort meine Gegenfrage: “Wie hoch war er?“ Seine spontane Antwort:“1 Meter 80!“ Und dann erst kam die herzliche Begrüßung.

Als Jugendlicher meldete ich mich in den Sommer- und Herbstferien regelmäßig zum Reiten an. Auf diese Weise lernte ich die Gefilde meiner Heimat näher kennen. Da waren die Vorwerke, zwischen denen die Jagden stattfanden, so zwischen Guddin und Kalpakin oder zwischen Birkenwalde und Pissakanal, der so manchesmal durchritten wurde. Auch führte mancher Geländeritt von Bajohrgallen aus über das Gelände mit Reitdamm und Judenbach an den Gurdszer Eschen vorbei.

Ein besonderer Höhepunkt der Reiterei in Trakehnen war der Renntag anlässlich der Ostpreußischen Turnierwoche in Insterburg. An diesem Renntag fanden unter großer Beteiligung der renommiertesten Renn- und Jagdreiter Ostpreußens vier große Hindernisrennen über das Trakehner Jagdgelände statt. Das bedeutendste war das von der Goltz-Querfeldein, das schwerste Jagdrennen Deutschlands. Wir reitbegeisterten Trakehner Jungens kannten die Favoriten und schlossen vorher untereinander Wetten auf die mutmaßlichen Sieger ab. Am Abend nach dem Rennen bestand Gelegenheit, im Hotel Elch, wo sich zu einem fröhlichen Umtrunk die Rennreiter und Schlachtenbummler ein Stelldichein gaben, den oft recht amüsanten Berichten über den Rennverlauf zu lauschen. Wir bewunderten solche “Größen“, wie G. Heiser-Degimmen, H. Schmidt, P. Gilde oder G. Scharffetter, die immer wieder auf den vorderen Plätzen zu finden waren.

Sind Sie nach Kriegsende wieder mal in Trakehnen gewesen?

In meinen Gedanken und Träumen habe ich Trakehnen nie verlassen. Erst am Ende des Kalten Krieges und nach dem Fall der Mauer konnte ich meine lang ersehnte Reise nach Trakehnen antreten. Es war im Januar 1990. Ich habe mich von Memel aus mit einem Taxi nach Trakehnen bringen lassen. Schon auf der Hinfahrt und auf meinem Rundgang über das ehemalige weitläufige Gestütsgelände hatte ich viele wunderbare Kindheits-und Jugenderlebnisse wieder vor Augen. Natürlich überkam mich tiefe Wehmut, als mir mit jedem Schritt der Niedergang bewusst wurde, den Trakehnen kriegsbedingt erfahren hatte.

Lageplan von Trakehnen: 1 Landstallmeisterhaus, 2 Sekretariat, 3 Wirtschaftsamt und Kasse, 4 Hotel Elch , 5 Post, 6 Hauptspeicher, 7 Ackerhof, 8 Alter Hof, 9 Neuer Hof, 10 Wartburg mit einigen Paddocks, 11 Reithalle, 11a Auktionsstall, 12 Boxenstall oder Jagdstall, 13  Hundezwinger, 14 Hauptbeschälerstall, 15 Frisör, 16 Apotheke

Viele Bauten waren zu Ruinen geworden, so der große Getreidespeicher und Teile des Jagdstalles. Der neue Hauptbeschälerstall war eine Ruine und die angrenzenden Paddocks waren bis auf die Grundmauern abgetragen. Holundersträuche und Brennnesseln hatten viele ehemalige parkähnliche Anlagen überwuchert.Tröstlich für mich war dann doch, als ich feststellte, dass das Trakehner Schloss und das Trakehner Tor weitgehend unversehrt geblieben waren. Dort war mit der Schule schon in den 50-er Jahren wieder Leben eingekehrt. In den zurückliegenden Jahren habe ich mich dann immer wieder einmal im Jahr auf den Weg in mein Jugendparadies gemacht.

 

Dr. Horst Willer (September 2017)


 Ostpreußische Reit- und Wagenpferde begehrt

Auch schon vor einem Jahrhundert waren Reitpferdeauktionen und Pferdeschauen voller Überraschungen und hatten etwas Reizvolles. Wer wird den Sieger stellen? Wer wird den Spitzenpreis erzielen? Diese und andere Fragen bewegten die ostpreußischen Pferdezüchter, die potentiellen Käufer und Pferdeliebhaber  bereits damals  genauso wie heute.  Ziel aller züchterischen Anstrengungen war auch damals schon die Präsentation eines marktkonformen Reit- und Sportpferdes.

Die 20-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts , die für Deutschland durch hohe Kriegsfolgelasten, tiefgreifenden Strukturwandel, Inflation und eine wirtschaftliche und politische Neuorientierung gekennzeichnet waren, erforderten auch in der ostpreußischen Pferdezucht ein Umdenken und eine Neuausrichtung. Die Zeit der großen Kavallerieverbände war vorbei, damit auch der bis dahin hohe Bedarf an Heeresremonten. Andererseits war durch den allgemeinen Aufschwung des Turniersports, getragen von Privatleuten und ehemaligen Offizieren, und das Aufblühen der ländlichen Reiterei die Nachfrage nach Sport- und Turnierpferden deutlich gestiegen. Ostpreußen war nach wie vor eines der pferdereichsten Gebiete Deutschlands, lag aber von den Zentren Deutschlands 1000 km entfernt und war zudem durch den sog. Korridor vom Mutterland abgeschnitten. Der Schritt, die ostpreußischen Pferde näher an die potentiellen Käuferschichten heranzuführen, musste gewagt werden. Dies geschah bereits zum ersten Mal im Winterkriegsjahr 1917 mit einem Angebot von 350 Ostpreußischen Reit- und Wagenpferden Trakehner Abstammung in der Reichshauptstadt Berlin.

Neben der Ostpreußischen Stutbuchgesellschaft war der maßgebliche Initiator hierfür Hugo Steinberg, der damalige Züchter in Drosdowen, Kreis Oletzko, und Direktor der “Insterburger Tattersall AG“, die als Ausbildungs- und Verkaufszentrum der Vereinigung Ostpreußischer Pferdezüchter gegründet worden war. Alle Pferde, die er als Auktionator auf dem Zentralviehhof in Berlin –Friedrichsfelde selbst versteigerte, fanden ihre Käufer. Der Erfolg gab ihm recht. Später wurden sogar Auktionen ostpreußischer Reit- und Wagenpferde im Kernland Deutschland, so in Frankfurt, Köln, Magdeburg, Breslau, Dresden und sogar in Karlsbad ins Leben gerufen wurden. Diese Auktionen wurden schon bald zum unverwechselbaren hippologischen Aushängeschild des Ostpreußischen Pferdes und zum Vorbild für alle späteren Eliteauktionen in Deutschland. Zusammen mit dem Hauptgeschäftsführer der Stutbuchgesellschaft, Dr. Schilke, war Hugo Steinberg stets darauf bedacht, für jede Auktion die geeigneten Pferde sorgfältig auszuwählen. Hugo Steinberg war ein ostpreußisches Original. Guten Freunden war es erlaubt, ihn „Onkel Hugo“ zu nennen. „Bei seinen Landsleuten, seinen Ostpreußen, war er überall zuhause und alle ihre Pferde waren auch seine Pferde. Steinberg lebte bei ihnen und mit ihnen wie ein irdischer St. Georg, als ihr Beschützer, Förderer, Verkäufer, Künder und Verherrlicher“, so Ernst Bilke.

Hugo Steinberg war nicht nur als beliebter Auktionator stets gern gesehen , sondern ist auch als “Onkel Hugo“ und ostpreußisches Original  in die ostpreußische Pferdezuchtgeschichte eingegangen.   Foto: Archiv Menzendorf

In Berlin, der Metropole Deutschlands, in der die wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung am deutlichsten spürbar wurde, wurden zwischen den beiden Weltkriegen auf Auktionen jeweils Ende und Anfang des Jahres stets in der Regie von Steinberg Ostreußische Pferde verkauft. Dem Transport mit der Eisenbahn nach Berlin war eine strenge Auswahl und eine zwei- bis dreiwöchige Ausbildung und Vorbereitung der Auktionspferde im Tattersall Insterburg vorausgegangen. Für die Ostpreußenschau und Auktion bildeten im Februar die „Grüne Woche“ und das gleichzeitig stattfindende achttägige „Große Berliner Reit- und Fahrturnier“ den gewünschten Rahmen. Der erste Tag der Turnierwoche wurde schwerpunktartig den Material- und Eignungsprüfungen für Reitpferde gewidmet, in den in aller Regel auf den vorderen Plätzen die Pferde aus Ostpreußen brillierten.

Die Auktionsplätze wechselten im Laufe der Zeit. Die anfänglichen Versteigerungen im Berliner Zirkus Busch, begleitet von „Onkel Hugos“ unübertrefflichem Humor, Zigeunermusik und anderen Scherzen, sind in die Pferdegeschichte eingegangen. Der Zirkus Busch hatte damals in seinem Marstall Platz für über 100 Pferde. In seinem umfangreichen Pferdebestand befanden sich auch 16 prächtige Pferde mit der Elchschaufel (jeweils vier Füchse, Braune, Rappen und Schecken), die kein anderer als Hugo Steinberg im Heimatland bei den Züchtern ausgewählt und beschafft hatte. Einmal kam während einer der ersten Auktionen im Circus Busch der Zuruf eines Querulanten in Richtung Steinburg: „ Nun haben Sie ja das richtige Lokal gefunden!“ Sofort kam die schlagfertige Antwort: „ Hätte ich wegen Ihnen im Zoo die Auktion abhalten sollen?“ Natürlich hatte Steinberg die Lacher auf seiner Seite. Viele seiner Auktionspferde entwickelten sich schon bald zu erfolgreichen Turnierpferden. So gehörte zu einer der ersten Reitpferdekollektionen auf der Auktion in Königsberg der später so berühmte Balte, Dressursieger der Olympia- Miltary Paris 1924. Hugo Steinberg liebte vor allem Pferde, die die Schönheit und die Ausstrahlung des Arabers vereint mit den langen Linien des Englischen Vollblüters in sich vereinigen.

 

Prämierte Trakehner Stuten auf der  DLG-Ausstellung in Berlin 1933. Im Vordergrund Direktor Hugo Steinberg und Stutmeister Kniephof, verantwortlicher Betreuer der Trakehner Fuchsherde.   Foto: Archiv Menzendorf

In den späten 20-er Jahren und danach war der renommierte Tattersall Beermann, das führende Reitinstitut Deutschlands mit seiner großen Reitbahn, in dem der Altmeister Oskar M. Stensbeck und Major F. Bürkner ihre Pferde arbeiteten, die Örtlichkeit, wo die edlen ostpreußischen Pferde, die zuvor prämiert und an der Hand und unter dem Reiter vorgestellt worden waren, versteigert wurden. Diese Veranstaltungen waren auch zumeist ein besonderes gesellschaftliches Ereignis, zu dem sich nicht nur Kaufinteressenten aus dem Inland und ganz Europa einfanden, sondern auch hohe Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und der Pferdewelt gern kamen. Die Olympiade im August 1936 in Berlin war auch Grund genug für die Ostpreußische Stutbuchgesellschaft, dort im Sommerstall des Tatteralls Beermann an der Deutschlandhalle 15 hochwertige und bereits turniererfahrene Spitzenpferde auf einer speziellen Ausstellung und Verkaufsschau zu präsentieren.

Im Februar 1937 fand die Ostpreußenschau und Auktion in Berlin besondere Aufmerksamkeit und großes Kaufinteresse. Auch diese und die folgenden Auktionen lagen wie bisher in den Händen von Hugo Steinberg. Die großartigen Olympiasiege der ostpreußischen Pferde in der Dressur und in der Military sowie der Sieg des Schimmels Herold v. Cornelius in der Pardubitzer Steeplechase sorgten in der damaligen Pferdewelt für reichlich Gesprächsstoff. So hatte Ostpreußen mit seinen Pferden Trakehner Abstammung eine aktuelle Erfolgsserie und einen frischen Leistungsnachweis, wie ihn damals keine andere Zucht in Deutschland zu erbringen vermochte In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg war die Nachfrage häufig größer als das Angebot, so dass beachtliche Durchschnittspreise erzielt wurden.

Bestaunt wurden oft die Ausgeglichenheit und der gute Pflegezustand der Verkaufspferde. So waren alle Pferde blank im Haar, gut im Futterzustand, fachgerecht frisiert und sehr frisch, wobei die Pferde oft einen langen , zeitaufwendigen und nicht zuletzt auch kostenträchtigen Transport bei frostigen Temperaturen hinter sich hatten. Für das Jahr 1940 wird beispielsweise berichtet, dass der Transport im Güterwagen per Bahn am Montagabend bei 30 Grad Kälte in Königsberg abging, über acht Stunden in Schneidemühl festlag, um dann endlich Donnerstag früh das Ziel Berlin zu erreichen. Alle 34 Pferde kamen unbeschlagen und unbeschadet über die vereisten Berliner Straßen in die Uhlandstraße. Ein erheblicher Anteil der Auktionspferde war ausgereift und damit bereits fünf- und sechsjährig, außerdem waren viele von diesen auch eingefahren.

Ostpreußische Pferde auf der Verladerampe des Bahnhofs in Königsberg

Parallel zu den Auktionen in Berlin und an den bereits genannten anderen Orten Deutschlands wurden eine wesentlich größere Zahl von Reit-, Wagen- und Zuchtpferden über große Versteigerungen in Königsberg, Insterburg, Tilsit, Marienburg und Gumbinnen vermarktet. In Königsberg beispielsweise war die Ausstellung und der Verkauf von Warmblutpferden Trakehner Abstammung gekoppelt an die jährlich dort stattfindende Deutsche Ostmesse. Diese hatte von jeher ausgesprochen landwirtschaftlichen Charakter, präsentiert wurden alle Arten landwirtschaftlicher Maschinen, eine weitere Attraktion waren die vielfältigen Tierschauen (Pferde, Rinder, Schweine, Schafe). Eine besondere jährliche Attraktion war der Ende April Anfang Mai in Königsberg stattfindende Hengstmarkt. Ca. 100 Hengste - sie waren bereits dreijährig und größtenteils bereits angeritten - wurden nach einer vorausgegangenen Vorauswahl von den namhaften ostpreußischen Züchtern jener Zeit zur Körung vorgestellt, von denen zumeist 60 bis 70% gekört wurden. Ein Drittel davon wurden von der Staatliche Gestütsverwaltung angekauft. Die anderen gekörten Hengste gingen in private Hände und ins Ausland. Hochwertige Zuchthengste und Zuchtstuten wurden schon damals auch nach Nord- und Südamerika exportiert.

Auf der ersten Schau deutscher Reitpferde 1930 in Aachen konnte der Trakehner Ispahan v, Dampfross, geritten von Sattelmeister Kiaulehn, den Siegerpreis der Leistungsprüfung für fünfjährige Pferde erringen.   Foto: Archiv Menzendorf

Hugo Steinberg, der große Promotor der Ostpreußischen Pferdezucht war mit fast allen Oberlandstallmeistern der ostpreußischen Gestütsverwaltung freundschaftlich verbunden. Seine besondere Wertschätzung genoss der letzte Landstallmeister Trakehnens, Dr. Ernst Ehlert. Wenn dieser nach den gelungenen Ostpreußenschauen am Klavier saß und das Ostpreußische Reiterlied sang, dann war dies für Hugo Steinberg und jeden Ostpreußen ein besonders feierliches Erleben, so die Berichterstattung aus jener Zeit. Die Ostpreußische Gestütsverwaltung überreichte anlässlich der 25. Ostpreußenschau in Anerkennung seiner großen Verdienste Direktor Steinberg ein Bronzestandbild der mehrfachen Siegerstute Palmenblüte v. Bulgarenzar. Diese war damals eine der schönsten und typvollsten Stuten Ostpreußens. Seine Dankesworte beendete Direktor Steinberg mit den Worten: „Erhalten Sie, meine Züchter, diesen Ostpreußen: Draht muss er haben, Gang muss er haben, schön muss er sein.“

Dressurausbilder O.M. Stensbeck auf dem Trakehner Nicolo in der Piaffe. O. M. Stensbeck kaufte gern und oft auf den Auktionen ostpreußische Pferde, auch Original-Trakehner

Anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten der Ostpreußischen Stutbuchgesellschaft im September 1938 in Königsberg wies Herr v. Schrötter, damals 1. Vorsitzender der Stutbuchgesellschaft, in seiner Festansprache u. a. darauf hin, dass bis dahin die Ostpreußische Pferdezucht seit 1922 ca. 50.000 Remonten ans Heer geliefert habe, davon allein 25.000 seit 1933. Auch dürfte kein anderes Zuchtgebiet zu jener Zeit in der Lage gewesen sein, monatlich 50 bis100 Pferde für Reit- und Turnierzwecke im In-und Ausland bereit zu stellen. So wurden nahezu monatlich die Auktionen innerhalb und außerhalb Ostpreußens mit ausgewählten Reit- und Wagenpferden beschickt. Daneben wurden im Zuchtgebiet selbst jährlich noch 10 Fohlenauktionen und eine Reihe von Zuchtstutenauktionen durchgeführt. Im Jahr 1940 - der Krieg war schon im vollen Gang- betrug die Zahl der im Ostpreußischen Stutbuch eingetragenen Stuten ca. 24.000 und es befanden sich 775 Hengste Trakehner Abstammung (zumeist in Staatsbesitz) im Deckeinsatz. Es war eines der größten geschlossenen Zuchtgebiete Deutschlands. In Ostpreußen gab es neben dem Hauptgestüt Trakehnen die vier Landgestüte Georgenburg, Rastenburg, Braunsberg und Marienwerder.

Damals war das wichtigste Verkehrs- und Transportmittel die Eisenbahn. Tausende und abertausende Remonten sind so in Krieg und Frieden über die Rampen der Königsberger und Insterburger Bahnhöfe in den Heeresdienst und als edle Reitpferde zu den Auktionen und Käufern ins Kernland Deutschland und ins Ausland gegangen.

Dr. Horst Willer (August 2017)


Aus einem Aschenputtel wird ein Weltstar

Zum Renntag in Trakehnen anlässlich der Insterburger Turnierwoche Anfang Oktober 1929 haben sich wieder tausende Pferde- und Reiterfreunde auf den weiten Koppeln Trakehnens eingefunden. Sechs Jagdrennen, darunter allein zwei für Trakehner Jagdpferde, stehen auf dem Programm. In dem schwersten Jagdrennen, dem v. der Goltz-Querfeldeinrennen, gehen diesmal neun Pferde an den Start. Die Distanz beträgt 6000 m. Auf natürlichem Geläuf sind 33 respektable natürliche Hindernisse zu überwinden. Nach einem harten Rennverlauf wird der geheime Favorit Ben Hur v. Benjamin xx, ein etwas unscheinbarer Schimmel, geritten von dem jungen ländlichen Reiter Gustav Schwandt, von der Trakehner Stute mit dem kuriosen Namen Badewanne und P. Gilde im Sattel knapp geschlagen. Ben Hur war gerade mal siebenjährig. Nach diesem grandiosen Erfolg stellte sich dem Reiter eine sehr schwierige Frage. Sollte er es wagen, mit seinem wackeren Schimmel schon bald die weite Reise in die damalige Tschechoslowakei antreten, um dort an dem schwerste Jagdrennen des Kontinents, der Pardubitzer Steeple Chase, teil zu nehmen. In der Vergangenheit hatten dieses in jeder Hinsicht anspruchsvolle Hindernisrennen Ostpreußische Pferde schon mehrfach gewinnen können. In den Jahren 1923 und 1925 siegte Landgraf II v. Irrwisch II und 1924 Herero v. Shilfa xx. Im Jahr 1928 kamen von 14 Pferden 10 ins Ziel, darunter drei aus Ostpreußen: Vogler v. Christian de Wet xx mit Hans Schmidt als Sieger, Beate v. Blanc Bec xx mit Udo v. Kummer als Zweiter und Johanniterin mit Herbert Paulat als Vierter.

Gustav Schwandt, damals mit 22 Lenzen noch jung an Jahren kannte mittlerweile die Stärken seines Pferdes und war auch bereits durch manches “Feuer“ mit ihm gegangen. Bevor dieser umgängliche und charaktervolle Schimmel, der ein absoluter Spätentwickler war, zu seinem Reiter gelangte, hatte er schon manche Enttäuschungen erlebt. Er ging durch mehrere Hände. Sein Züchter Gruber- Schleifenau (Lenkutschen), Kreis Insterburg verkaufte ihn an Schäfer- Blocken, dieser wiederum gab ihn ab an Nickel- Güldenau (Schwirbeln) bis er schließlich bei Gustav Schwandt Kl.-Stoboy , Kreis Elbing, landete. Zwischenzeitlich war er vielen Kaufinteressenten und Remontekommissionen vorgestellt worden. Sie alle lehnten ihn ab, darunter auch eine russische Ankaufskommission. Sie alle wollten von dem Schimmel mit dem etwas herben Gesicht, der ziemlich schmalen Brust und den etwas eng gestellten Vorderbeinen nichts wissen. Allein Gustav Schwandt hatte die wahren Qualitäten dieses Vierbeiners erkannt und ihn schließlich gern in seine reiterliche Obhut genommen. Schon bald konnten sich die beiden in einer Reihe von Eignungs-, Dressur- und Springprüfungen sowie Jagdrennen auf den vorderen Plätzen platzieren. Ben Hur erwies sich frühzeitig als ausgezeichnetes Vielseitigkeitspferd. Auf dem Insterburger Turnierplatz hatte das Paar bereits auf seinen Ritten über verschiedene Parcours mit den respektablen Naturhindernissen, wie dem Insterburger Wall, der Irischen Bank und den breiten Wassergraben mit Koppelrick, positive Bekanntschaft gemacht.

Die Reiterkameraden, die erfolgreich von ihrer vorjährigen Expedition aus Pardubitz zurückgekehrt waren, ermutigten Gustav Schwandt, den Hut in den Ring zu werfen und seine Teilnahme an der 48. Pardubitzer Steeplechase zuzusagen. Schließlich waren es dann vier aufrechte Reitersleute, W. Dannenberg mit Beate, P. Gilde mit Johanniterin, L. Staudinger mit Freischütz und G. Schwandt mit Ben Hur, die sich per Bahn auf die weite Reise begaben und ungefähr zwei Wochen vor dem eigentlichen Rennen in Pardubitz, 100 km östlich von Prag, eintrafen. Nun galt es, das Gelände ausgiebig zu inspizieren und die Pferde weiter fit zu halten für den großen Auftritt. Dieses Hindernisrennen hat eine lange Tradition und ist hervorgegangen aus den Parforcejagden, die in dieser Region jährlich abgehalten wurden. Das Ende der Reitjagdsaison sollte durch einen würdigen Renntag gekrönt werden.

Seit 1874 werden entsprechende Rennen ausgeschrieben, wobei die “Große Pardubitz“ schon damals über 6400 m und ca. 30 Naturhindernisse ging. Im Unterschied zur “Großen Liverpooler“, deren mächtige Hindernisse auf einer gut gepflegten Rasenbahn stehen, ist dies ein ausgesprochenes Querfeldeinrennen über Feldwege ,Weide-und Ackerflächen, die gespickt sind mit breiten Hecken und Gräben sowie verschiedenen Koppelricks. Besonders gefürchtet auf der Rennstrecke sind drei sehr schwere Hindernisse. Dazu gehört der sog. Schlangengraben. Er ist 4,50 m breit. Die Landestelle liegt 80cm tiefer als der Absprung. Auch der große Englische Sprung mit einer Gesamtbreite von 3,50 m erfordert größte Aufmerksamkeit von Reiter und Pferd. Hier ist ein 2m breiter Wassergraben eingerahmt vorn durch ein 1m hohes Rick und hinten durch eine 1m hohe breite Hecke. Der gefährlichste Sprung ist der sog. Taxisgraben. Die Pferde nähern sich einer 1,40 m hohen und 1,50 m breiten Weißdornhecke. Dahinter verbirgt sich ein 5m breiter und 2m tiefer trockener Graben, den die Pferde aber erst in der Flugphase erkennen können. Nur durch mutiges und forsches Anreiten lässt sich dieser Sprung einigermaßen schadlos überwinden. Dieses Hindernis wurde im Training grundsätzlich von keinem Reiter gesprungen. Nur Graf Kinsky soll dies in den ersten Jahren der “Großen Pardubitz“ gewagt haben. Im Jahr 1929 ließ sich aber der junge Ostpreuße Schwandt von seinen Landsleuten nicht länger necken, wendete seinen Ben Hur und übersprang fehlerlos den Taxisgraben. Dies war sicherlich schon ein gutes Omen für den Newcomer. Alle aktiven Teilnehmer waren sich stets der Tatsache bewusst, dass gerade dieses Rennen an Herz und Lungen bei Reiter und Pferd die höchsten Anforderungen stellt.

Das Unglück wollte es, dass zwei Tage vor dem eigentlichen Rennen ein anhaltender großer Regenguss niederging. Das Geläuf war stark durchnässt und die Gräben bis an den Rand mit Wasser gefüllt. Es war schon abzusehen, dass die Absprung- und Landestellen den Pferden wenig Halt geben würden. Da sich aber noch rechtzeitig klares Sonnenscheinwetter einstellte, sah sich die Rennleitung jedoch nicht veranlasst, den Renntag und die “Große Pardubitz“ abzusagen. Das bevorstehende Großereignis hatte viele tausend Zuschauer angelockt, darunter auch eine größere Anzahl aus Deutschland. Schon bald war es dann soweit, zwölf Reiter befanden sich auf der Bahn und gingen nach einer kurzen Parade an den Start. Schon auf dem ersten Drittel kam es zu zahlreichen Stürzen infolge des tiefen Bodens. Während Ben Hur den Taxisgraben unbehelligt hinter sich lassen konnte, schied Johanniterin mit P. Gilde hier durch Sturz bereits frühzeitig aus. Schwandt mit Ben Hur blieb zusammen mit dem Engländer Kapt. Charous mit Dover und Dannenberg mit Beate im ersten Drittel des Feldes bis er das Pech hatte, an der zweiten Kanzel zu Fall zu kommen. Flott saß er wieder auf und setzte den Ritt fort. Nach zwei Dritteln der gesamten Rennstrecke hatten bereits acht Paare wegen übler Stürze aufgegeben. Auf dem “Nachhauseweg“, dem letzten Drittel des Kurses, kamen alle vier noch laufenden Pferde in dem mörderischen Rennen zu Fall, darunter auch erneut der tapfere Ben Hur. Ihn hatte es wegen der sumpfigen Landestelle am Schlangengraben erwischt. Die treue Beate, bis dahin fehlerlos, ereilte auch hier wegen des morastigen Bodens das gleiche Schicksal. Schwandt schwang sich trotz einer Verletzung am Kopf wieder in den Sattel seines Pferdes und blieb damit im Rennen. Gleiches gelang auch seinem Landsmann Dannenberg sowie den beiden anderen Reitern. Dover blieb in Führung dicht gefolgt von Ben Hur der sein Bestes gab, so dass es seinem Reiter gelang, ihn im Einlauf auf der Flachen doch noch zu passieren und damit das Rennen zu gewinnen.

Welch` ein tapferer Reiter und welch` ein leistungsbereites Pferd! Die weitere Platzierung war dann Oblt. Poplers mit Gyi Covam und W. Dannenberg mit Beate. Wegen der Massenstürze war die Reaktion des Publikums verständlicherweise etwas verhalten. Während der Siegerehrung wurde die großartige Leistung des Siegerpaares durch die Rennleitung gebührend gewürdigt. In den Gazetten des Renn- und Reitsports, aber auch im Heimatland machte der Pardubitz- Sieger Schlagzeilen. Nun waren Pferd und Reiter in aller Munde. Auch Ben Hur war längst nicht mehr das Aschenputtel oder Hässliche Entlein von damals, sondern hatte durch seine sportliche Ausbildung und Förderung deutlich an Format und Ausstrahlung gewonnen. Was die Vorstellung von Schönheit eines Pferdes angeht, haben die Engländer eine sehr gute Umschreibung: “Handsome is, what handsome does“, in deutscher Übersetzung: Schönsein heißt, schön handeln oder Gutes leisten. Seine enorme Leistungskraft hat Ben Hur seinen Ahnen zu verdanken. Er stammt aus einem alten ostpreußischen Mutterstamm, Vater (Benjamin xx) und Großvater ( Billow II xx) sind jedoch Englische Vollblüter, die im Landgestüt Georgenburg stationiert waren. Auch in diesem Fall hat sich der Spruch des ehemaligen Oberlandstallmeisters Georg v. Lehndorff bewahrheitet: “Blut ist Saft, der Wunder schafft“. Dieser Leitgedanke ziert heute noch das Eingangsportal zum Stutenstall im Vollblutgestüt Graditz, wo jener Hippologe lange Zeit gewirkt hat.

Drei Monate später sollte der zum Weltstar avancierte Schimmel nun auf dem Februar- Turnier anlässlich der Grünen Woche seine Große Bühne haben. Frenetischer Beifall war im sicher, obgleich er in der Großen Eignungsprüfung für Jagdpferde, dem Preis von Trakehnen, nur Zweiter wurde. Die Richter konnten nicht über ihren Schatten springen, sie beherzigten nicht die “Weisheit“ der Engländer. Wieder mal wurden Ben Hur die leichten Mängel im Gebäude angekreidet. Mit Bravour gewann er aber den Hubertuspreis, die Eignungsprüfung für Damenjagdpferde mit Frau Rittm. Beekmann im Sattel. In den folgenden Jahren setzten Schwandt und Ben Hur ihre Turnierkarriere äußerst erfolgreich fort. In der Vielseitigkeitsprüfung der ostpreußischen Reitervereine anlässlich des großen Provinzialturniers in Königsberg im Sommer 1930 siegte das Paar gegen 70 Konkurrenten mit Überlegenheit. Schwandts Reiterverein Kattenau gewann die Provinzialstandarte, die dann ganz stolz Ben Hur und sein Reiter während der Parade tragen und präsentieren durften. Auch in Springkonkurrenzen konnte sich Ben Hur gegenüber den besten Springpferden Deutschlands behaupten und errang zahlreiche Siege in Springen der mittleren und schweren Klasse, darunter auch in Barrierenspringen bis 1,90 m.

Bewundernswert war auch das gutartige Temperament dieses edlen Pferdes. Besucher auf dem Gut Kl. Stoboy waren oft erstaunt, wenn sie Ben Hur dort im Gespann beim Verrichten der Feld- oder Gartenarbeit oder als Ausbildungspferd für Kinder beim Springen und Voltieren sahen. Einmal anlässlich des internationalen Turniers in Zoppot mussten sich die Zuschauer die Augen reiben, als Ben Hur ganz elegant in einem Blumenkorso als Kutschpferd vor einem mit vielen Blumen geschmückten Kutschwagen ging.

Ben Hur hat sein Zuhause nie wieder verlassen müssen, er bekam in Kl. Stoboy sein Gnadenbrot. Wie die meisten Landsleute, so musste auch Familie Schwandt bei Kriegsende das Schicksal von Flucht und Vertreibung erleiden. Im Westen angekommen ist es dann dem Ehepaar Schwandt gelungen, in Essen-Bredeney einen Reitbetrieb aufzubauen. Anmerkung: Das heutige Reglement für Vielseitigkeitsprüfungen sieht vor, dass die Geländestrecke hinsichtlich der Bodenverhältnisse und der Anlage der Hindernisse so ausgelegt ist, dass bei entsprechender Qualifikation von Reiter und Pferd diese nicht zu Schaden kommen. Außerdem ist festgelegt, dass Im Falle eines Sturzes von Pferd und /oder Reiter der Ritt nicht fortgesetzt werden darf. 

Dr. Horst Willer (Mai 2017)


Trakehner Jagden

Das preußische Hauptgestüt Trakehnen war das erste, in dem alle jungen Pferde angeritten und im Jagdfeld auf ihre Veranlagung und Leistungsbereitschaft hin getestet wurden. Der Durchbruch mit einer vielseitigen Leistungsprüfung gelang v. Oettingen mit der Errichtung des großen Boxenstalls, in dem der später legendäre Jagdstall eingerichtet wurde, und der gedeckten Reitbahn im Jahr 1898. Seit dem Jahr 1907 verfügte Trakehnen auch über eine Meute. Für den Beritt wurden talentierte junge Reiter engagiert, die in dem ebenfalls neu errichteten Reitburschenhaus untergebracht waren. Trakehnen bot wie kein anderer Ort das ideale Jagdreitgelände. Durch die Entwässerung einer mehr als 6000ha großen Wiesen- und Sumpflandschaft waren eine Vielzahl von großen und kleinen Wasserläufen, Gräben und Wällen entstanden. Mit der Einzäunung der Weideflächen- auch eine der vielen bahnbrechenden Initiativen v. Oettingens - kamen eine große Zahl von Koppelricks als Hochsprünge und kombinierte Wegesprünge hinzu. Am ersten Juli setzte die eigentliche Jagdsaison ein. Bereits nach sechs bis acht Wochen behutsamer Ausbildung gingen dann die Dreijährigen die Schleppjagd hinter den Hunden über die natürlichen Gräben und Zäune, durch Wasserläufe und Klettergräben, über Doppelsprünge und Wälle.

Huntsman Ausritt zur Jagd  in Trakehnen

Nicht zu vermeiden war der ein oder andere Sturz oder ein unverhofftes Bad im Pissakanal. Die Anforderungen an die Aufmerksamkeit und das Taxiervermögen der jungen Pferde waren recht hoch.  Um sich selbst davon überzeugen, wie die jungen Pferde die ihnen gestellten Aufgaben meistern, ritten die Landstallmeister zumeist die Jagden mit. Gräfin Maissa v. Sponeck , die “Mutter“ des Jagdstalles, hat als leidenschaftliche Jagdreiterin während der Regentschaft ihres Mannes keine Jagd versäumt. Wer kennt nicht ihr wunderbares Skizzenheft über die im Jahr 1921 stattgefundenen Jagden? Beobachtungen über Verhalten und Vermögen der Pferde im Jagdfeld wurden in einem speziellen Buch festgehalten. Turnier- und Rennreiter aus aller Welt sowie Offiziere wurden gern als Teilnehmer an den Reitjagden gesehen. Für die erfolgreicher Teilnahme während einer gesamten Jagdsaison lockte eine besondere Auszeichnung, die Verleihung des von v. Oettingen gestifteten “Trakehner Knopfes“ Einer der begeisterten Turnierreiter, der Mitte der 20-er Jahre an einer Trakehner Jagd teilgenommen hat, war Hans – Viktor v. Salviati. Von ihm stammt der folgende authentische Bericht mit dem Titel: Trakehner Jagden. „Vor einigen Jahren schrieb Gustav Rau über ein Ostpreußisches Privatgestüt: „ Wer Lenken (namhaftes Privatgestüt in Ostpreußen) gesehen hat, kann ruhig sterben“. Ich möchte dasselbe von dem sagen, wer in Trakehnen Jagden geritten hat, denn er hat dort den höchsten Genuss gehabt, den der Pferdemann haben kann, auf einem edlen Pferd hinter schnellen Hunden über ein Gelände zu reiten, wie man es in Deutschland eben nur dort findet. Was sind im Vergleich hierzu Jagdspringen oder Geländeritte, wenn auch die Hindernisse höher sind und das Akrobatenstück des Pferdes größer ist; es fehlt eben der Zauber der Jagd! Schon in dem prachtvoll gehaltenen jagdstall, aus dem die Pferde wie Morgenglanz, Kampfgesell, Hartherz und Partner hervorgingen, sieht man, dass alles etwas ganz Besonderes ist. Dann, heim Aufsitzen, keiner der Dreijährigen bockt oder buckelt, sie haben alle Vertrauen zu ihrem Reiter und unwillkürlich wünscht man sich einige Trakehner Reitjungens als Remontereiter , wenn man an die Bilder bei Remonteabteilungen denkt, wo sich der Reitlehrer oft in der Arena voll wilder Tiere sieht. Das ganze Trakehner Jagdgelände mit seinen Eichen- und Birkenalleen ist durchzogen von Gräben, Ricks und Wällen, die die einzelnen Weiden voneinander trennen. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich der Reitdamm, der Judenweg, der Hasenwaldzaun, der Tränkegraben, faule Gräben und der große Trakehner Sprung, ein 2 Meter hoher Wall mit beiderseits Gräben und oben darauf an einem Rande mit Hecke. Die Alleen sind eingefasst mit Gräben und Ricks. In den meisten Gräben, die durchschnittlich drei bis vier Meter breit sind, stehen Koppelricks, die sogenannten Trakehner Sprünge.

Ritt durch den  Pissa-Kanal

Das alte arabische Sprichwort von dem höchsten Glück dieser Erde bewahrheitet sich, wenn man auf Pferden wie Anthrazit, Amalgan, Postmeister, Coiffizient über diese Sprünge “segelt“. Sie alle haben inzwischen ihre Trakehner Paradies verlassen, um – hoffentlich recht sportbeständige Besitzer zu tragen. Draußen, wenn die zwei Schlepper anreiten und die Hunde angelegt werden, verfolgt jedes Pferd das alles mit gespitzten Ohren, und man fühlt die Freude, dass es jetzt “los“ geht. Keines dieser Pferde pullt, alle gehen aufmerksam an langem Zügel, jeder der kleinen, oft schmächtigen Reitjungen, reitet seinen Strich; keiner stört den anderen. Vor dem Felde, als Vorbild für alle, auf einem großlinigen Rappen Oberlandstallmeister Graf Lehndorff, ein echter Reiter der feinen Alten Schule, wie man sie nur noch auf englischen Stichen sieht. Ganz kurz will ich den Verlauf einer solchen Jagd schildern.

Vom Fleck weg setzt sich das Feld in sehr flotter Fahrt in Bewegung. Man sieht die Hunde einen Graben springen und von selbst ziehen alle Pferde an, um im langen Sprung über die 4 Meter zu fliegen. Dann kommt ein achtungsgebietender Holzzaun; 5 Meter dahinter muss ein breiter, bis zum Rande mit Wasser gefüllter Graben durchklettert werden. Halbrechts sieht man in einer Wiese sich einen schnurgeraden Wall hinziehen. Mit einigen Sprüngen sind die Pferde oben und “besinnungslos“ geht`s hinunter in die Pissa, jenseits mit einem Rumpler hinauf und weiter. Es folgen einige Koppelricks etwa 1,10 Meter hoch, einige Gräben, zwei Alleen mit beiderseits Ricks in Gräben stehend, dann geht`s über den Graben auf die Chaussee, jenseits über ein Rick im Graben in die Tiefe. Bei einem sehr tiefen, breiten Graben springen einige Pferde zu früh ab und landen auf der Nase und ihren gekrümmten Vorderbeinen, die Pferde prusten, krabbeln heraus, weiter. Wundervolle federnde Weiden, ein kleiner Wall und vor uns taucht die mit dem Himmel abschneidende Silhouette des sich lang hinziehenden Trakehner Walls auf. Mein 3-jähriger “Statist“ hat ihn noch nie gesprungen, doch ich merke, dass er das Herz eines Löwen hat und überlasse ihm die Einteilung des Sprunges. Ruhig zieht er dagegen; über den Graben springt er wie eine Katze an den Rand, hinauf, ein Federn in den Sprunggelenken und in gewaltigem Satz landen wir über die am Rand stehende Hecke und den dahinter liegenden Graben hinweg im jenseitigen Felde. Ich klopfe den braven Fuchs und schwöre von neuem auf das Herz der Trakehner! Noch 200 Meter, ein kleiner Graben, Halali!

Trakehner Hengste im Gelaende waehrend einer Verschnaufpause

Die Jagden sind durchschnittlich 4 Kilometer lang, gegen Ende der Saison länger und sehr schnell. Ebenso steigern sich Zahl und Abmessung der Sprünge, so dass im September und Oktober Anforderungen an die Pferde gestellt werden, wie wohl in keinem anderen deutschen Jagdfelde. Dabei sieht man allen Pferden an, wie gut ihnen die zwei Jagden pro Woche bekommen. (Im Ganzen wird viermal in der Woche Jagd geritten.) An den übrigen Tagen wird 1 bis 2 Stunden im Gelände geritten, wobei 1000 bis 1500 Meter galoppiert wird. Hierbei lernen die Pferde, erst im Schritt kletternd, dann im Trabe und endlich im Galopp ganz von selbst geradeaus zu gehen und in jedem Hindernis etwas Selbstverständliches zu sehen. Sattelmeister Kiaulehn, dem der Jagdstall untersteht, weiß genau, dass man mit Ruhe und Geduld – ohne Sporen - jedem jungen Pferd alles spielend beibringen kann, und dass Ungezogenheiten fast immer Schuld des Reiters sind, der vergisst, dass ein Pferd keine Maschine ist und allem Neuen gegenüber erst seine natürliche Angst zu überwinden lernen muss. Wenn alle Reiter immer wieder daran dächten, ehe sie zur Peitsche Sporen, Klopfstange und anderen Mitteln greifen, gäbe es wohl weniger sogenannte Verbrecher und dem von Natur aus gutmütigsten Tier unseres Planeten blieben viele Qualen erspart.

"Wer wirkliche Befriedigung in unserem schönsten Sport haben will, dem rate ich, im Herbst nach Trakehnen zu fahren, er wird es nicht bereuen“.
Quelle: Monatliche Mitteilungen des Turnier-Herren Reiter u. Fahrverbandes , 2. Jg. ( 1926) Heft 12

Hans- Viktor v. Salviati gehörte einige Jahre der Kavallerieschule Hannover an und galt Mitte der 30-er Jahre als einer der erfolgreichsten Hamburger Springreiter. Er war am Umsturzversuch des 20. Juli 1944 beteiligt, was ihm zum grausamen Verhängnis werden sollte. Am 25 April wurde er von der SS hingerichtet.

Dr. Horst Willer (März 2017)


 

Pferdemaler in Trakehnen

Bereits im 19. Jahrhundert und auch später noch wurde das Preußische Hauptgestüt Trakehnen zum Mekka vieler Künstler, und hier vor allem der Pferdmaler. Sie haben sich immer wieder der Darstellung der herrlichen Pferde gewidmet. Trakehnen mit seinem besonderen Flair hatte auf sie eine besondere Anziehungskraft. In der Zeit als es die Fotographie noch nicht gab, wurden zunächst die Maler im Auftrag der Preußischen Gestütsverwaltung vor Ort tätig, um berühmte Stuten und Hengste zu porträtieren. Während der Regentschaft von C.F. v. Burgsdorff war Friedrich Leopold Bürde, Professor an der Berliner Akademie, nach Trakehnen gereist. Von ihm stammen die überlieferten Portraits solcher Hauptbeschäler, wie Roderich, Oglan ox, Bagdadly ox, Scapall xx, und Driver. Ein anderer Historien- und Tiermaler, Carl Constantin Heinrich Steffeck, hat dann später zur Zeit der Landstallmeister v. Schwichow und v. Dassel die berühmten Hengste Oromendon , Ganges x, Thunderclup und Sahama xx auf die Leinwand gebannt. Heute noch sind wir fasziniert von den wunderbaren Portraits der Hengste Morgenstrahl, Polarsturm und Shilfa xx, die wir Karl Volkers verdanken. Er besuchte Trakehnen, als Burchard v. Oettingen (1895-1912) die Geschicke des Hauptgestüts leitete. Unter der Ägide dieses großartigen Pferdemannes war Trakehnen aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Seine bahnbrechenden baulichen und züchterischen Initiativen gleich zu Beginn seiner Amtszeit hatten Trakehnen neuen Glanz verliehen. So waren auf seine Veranlassung hin der Hauptbeschälerstall neu errichtet worden und auch der Neue Hof mit dem Boxen- und Fohlenstall sowie der Reitbahn entstanden. Außerdem schuf er die herrlichen gärtnerischen Anlagen, die Tannenhecken, viele Alleen, Wildremisen, die Paddocks und die sog. Wartburg. Zur besonderen Gestaltung der Garten- und Parkanlagen hatte Landstallmeister v. Oettingen sogar den russischen Hofgärtner, Baron v. Engelhardt, engagiert.

Die Künstler, die in der Folgezeit nach Trakehnen kamen, waren mehr von dem großartigen Naturerlebnis fasziniert und hatten die kilometerlangen Eichenalleen, die friedlich grasenden Stutenherden mit ihren Fohlen auf den riesigen Weideflächen der einzelnen Vorwerke oder die prächtigen Parkanlagen mit den gepflegten Hecken und Wegen sowie die Sommerresidenzen der Hauptbeschäler immer wieder vor Augen. Die Künstler wollten die edlen Trakehner als Naturgeschöpfe, wie sie frei und ungebunden auf den Weiden leben, abbilden. Auch im Fall der malerischen Charakterisierung einzelner Hengste und Stuten kam es ihnen darauf an, die spezielle individuelle Note, die sie von allen anderen Artgenossen unterschied, im Bild lebendig zu erfassen. Beim Betrachten jener Bilder gelang es dann dem Beschauer auf den besonderen Charakter, das Temperament und die psychischen Eigenschaften der jeweiligen Pferde zu schließen. Während der Regentschaft des Landstallmeisters Kurt Graf Sponeck (1912- 1922) hatte sich auch der Pferdemaler Prof. Georg Koch (1857-1928) von Berlin auf die weite Reise nach Trakehnen begeben. Gleich zu Beginn des ersten Weltkrieges war Ostpreußen und damit auch Trakehnen durch den Angriff und Einmarsch der russischen Armee in große Bedrängnis geraten mit der Konsequenz, dass das gesamte Gestüt evakuiert werden musste. Große Teile der wunderbaren Gestütsanlage waren durch Kriegseinwirkung zerstört worden. Schließlich als dann die Russen nach der gewonnen Schlacht bei Tannenberg besiegt worden waren, ging es in Trakehnen nach der Rückkehr seiner Bewohner und Pferde wieder aufwärts. Der Wiederaufbau der zerstörten Gebäude war schnell von statten gegangen. Graf Sponeck baute den Jagdstall aus und setzte die Reitpferdezucht auf Leistung konsequent fort. Hier wurden die jungen Hengste und Stuten erstmalig im Jagdfeld hinter der Meute auf Herz und Nieren geprüft. Es war der Jagdstall, der den Trakehnern den Weltruf als harte Leistungspferde verschafft hat. Nur Pferde mit hoher Leistungsbereitschaft und gutem Charakter, die den Test bestanden hatten, wurden zur Zucht zugelassen.

Die Ehefrau des Landstallmeisters, Marissa Gräfin Sponeck, Tochter des Vorgängers B. v. Oettingen, war eine leidenschaftliche Jagdreiterin und eine der ersten Frauen, die nicht mehr im Damensattel ritten. Sie war zu ihrer Zeit der Chef und die Seele des Jagdstalles und wurde oft „Mutter des Jagdstalles“ genannt. Für den Nachwuchs des Jagdstalls, insbesondere für Pferde, die sie sehr mochte, nahm sie die Taufe, die Namensgebung, selbst vor. Sie dürfte auch den Maler Prof. Georg Koch inspiriert haben. Ihr Herzenswunsch an ihn war es sicherlich, nicht nur ihren absoluten Lieblingshengst Nana Sahib zu porträtieren, sondern auch auf dem Vorwerk Bajorgallen, wo die Gemischtfarbene Herde zuhause war, seine Töchter mit ihrem Nachwuchs auf der Weide zu malen. Das damals entstandene Gemälde von Nana Sahib, das wir leider nur noch vom Foto her kennen, hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Es lässt sich sehr gut vorstellen, wie oft der Künstler diesen herrlichen Angloaraber, als er sich in seinem Paddock bewegte und in Positur gebracht hat, beobachtet und studiert hat. Georg Koch ist es meisterhaft gelungen, das sprühende Temperament dieses edlen Pferdes mit der Aura eines Arabers in der bildlichen Darstellung in einer einzigartigen Weise einzufangen. In voller Aufrichtung und Aufmerksamkeit mit gespitzten Ohren und mit sehr locker und anmutig getragenem Schweif präsentiert sich sehr souverän dieser schon etwas in die Jahre gekommene herrliche Schimmelhengst. Dabei werden die einzelnen Körperpartien, die mächtige Schulterformation, der leichtgeschwungene Rücken und die kräftige Hinterhand, in ihrer Plastizität wunderbar sichtbar.

Nana Sahib X, Schimmelhengst, geb. 1900, v. Roitelet xx a.d. Namir X v. Alger xx
nach einem Gemälde von Georg Koch

Um Nana Sahib (1900-1922) ranken sich Legenden. Diesen französische Angloaraber, der sich schon bald als sicherer Vererber von außergewöhnlichem Springtalent und Härte erwies, entdeckte Landstallmeister v. Oettingen 1906 auf einer Dienstreise in einem französischen Rennstall in der Nähe von Paris wo er ihn auch käuflich erwerben konnte. Dieser bildschöne und mit großen Linien ausgestattete Hengst, der den Charme und Glanz des Arabers ausstrahlte, war kein unbeschriebenes Blatt. Er hatte als Sechsjähriger bereits 6 Flach- und 7 Hürdenrennen gewonnen. Er war zu jener Zeit in Frankreich einer der besten Steepler. In Trakehnen erhielt Nana Sahib später einen ganz speziellen Paddock versehen mit einem Doppelzaun, da er zuvor mal die 1,60m hohe massive Steinmauer, mit der die anderen Paddocks eingegrenzt waren, glatt übersprungen hatte. Seine ersten Dreijährigen kamen Anfang des zweiten Jahrzehnts in den Jagdstall. Es waren die Söhne mit den wohlklingenden Namen Extrafein, Himmelskönig und Apfelschnut. Über die ersten Springversuche dieser Youngster im Sprunggarten berichtet Gräfin Sponeck in einem Nachruf über den „Heldenvater“ Nana folgendes: “Als Extrafein seine Antrittsrunde im Sprunggarten machte, rief seine Mama: Ein Genie, ein Genie! Dies wurde später das Schlagwort im Sprunggarten, denn außer Genies gab es dort nur Schweinehunde, und die flogen bald raus. Drei Jahre habe ich Extrafein selber Jagd geritten, bin nie mit ihm gefallen, soviel ich mich entsinne.“ Mit Mama meinte Gräfin Sponeck sich selbst. Nana Sahibs Nachkommen waren fast ohne Ausnahme außergewöhnlich talentierte Spring- und Geländepferde, sie waren Genies. Dazu gehörten vor allen die ausgezeichneten Halbblutrennpferde Ergo Sum, Heimatsang und Heimathorst, wobei die beiden letzteren jeweils das “ von der Goltz-Querfeldein-Jagdrennen“ in den Jahren 1924 bzw. 1926 gewinnen konnten. Als zuverlässige Jagdpferde von Nana Sahib wurden immer wieder genannt Extrafein, Leffers, Crailsheim, Estorff, Feuertaufe und Panna. Die beiden letzteren wurden in die Trakehner Mutterstutenherde eingegliedert.

Ihnen begegnen wir in dem in Bajorgallen entstanden phantastischen Gemälde mit dem Titel “Trakehner Mutterstuten auf der Weide“. Es dürfte für den Künstler nicht so schwer gewesen sein, am Rand der Pferdekoppel seine Staffelei aufzubauen und nach einer eingehenden Betrachtung der grasenden Stuten mit ihren Fohlen zum Pinsel zu greifen. Möglicherweise war Gräfin Sponeck in seiner Nähe, um ihn auf die Besonderheiten jener vier Stuten im Vordergrund etwas einzustimmen. Das Vorwerk Bajorgallen lag nur ca. einen Kilometer von dem Hauptwerk Trakehnen entfernt. Dort kreuzten sich die Alleen des Vorwerks Jonasthal im Westen und des Vorwerks Gurdzen im Osten. Die hier beheimatete Gemischtfarbene Herde, auf dem Gemälde sind Braune, Schimmel und Füchse zusehen, galt mit ihrem Stutenbestand hinsichtlich Typ als die edelste und hinsichtlich des Kalibers als die leichteste Herde. In diesem weitläufige Weide-und Wiesengelände war im Laufe der Jahre auch das Zentrum des Trakehner Jagd-und Rennbahnzentrum mit seinen vielfältigen typischen Naturhindernissen entstanden.

Das Gemälde vermittelt eine beschauliche Stimmung, einerseits durch den weiten Horizont, bis zu dem hin unzählige Pferde weiden, und andererseits durch die in unmittelbarer Nähe dem Beschauer in vermeintlicher Lebensgröße zugewandten vier Stuten, wobei sich zwei hübsche Fohlen ungestört an der Seite ihre Mütter aufhalten. Mit Gelassenheit und Ruhe wenden die Stuten Feuertaufe v. Nana Sahib und Schwertlilie v. Perfektionist xx etwas neugierig ihre edlen Köpfe dem Betrachter zu, während Panna v. Nana Sahib in der Mitte ungestört grasend ihren Hunger stillt. Auch hier hat man den Eindruck, dass es dem Künstler möglich geworden ist, die jeweilige Pferdepersönlichkeit mit ihren äußeren und inneren Eigenschaften vollendet im Bild festzuhalten. Die drei Stuten im Vordergrund verkörpern geradezu den Idealtyp des Trakehner Pferdes, wie er damals züchterisch von Graf Sponeck angestrebt wurde. Er bevorzugte Pferde mit besten Reitpferde-Points. Sie sollten über genügend Rahmen mit langen Linien ihrer wichtigsten Körperpartien verfügen und jeweils eine kräftige Vor- und Hinterhand aufweisen, letztere vor allem zur Unterstützung von Selbsthaltung und natürlichem Gleichgewicht sowie als wirksame Kraftquelle zur Fortbewegung in allen drei Gangarten. Später ist dann Georg Kochs Schülerin, Helene Meyer- Moringen auf den Spuren ihres Meisters in Trakehnen gewandelt und hat uns so wunderbare Gemälde, wie „ Im Morgenlicht zur Weide“ oder „ Sommer über dem Land der Pferde “ hinterlassen. Kopien der genannten Gemälde befinden sich im Buch “Trakehnen“ von Martin Heling. Zahlreiche Originale schmückten ehemals die Innenräume des Trakehner Schlosses. Leider sind die meisten Gemälde durch die Kriegswirren verloren gegangen.

Dr. Horst Willer (Januar 2017)


Noblesse Oblige - Adel verpflichtet

Die ruhmreiche Zeit des ehemaligen preußischen Hauptgestüts Trakehnen liegt bereits weit zurück. Jenes sprichwörtliche Paradies des Pferdes wurde, wie oft beklagt, mit seinen edlen Pferden Opfer des Zweiten Weltkrieges. Ostpreußen war mit über zwanzig Tausend eingetragenen Stuten das größte Reitpferdezuchtgebiet Deutschlands. Ungefähr 600 Stuten und 25 Hengste konnten in den Westen gerettet werden und bildeten nach 1945 den Grundstock für den Wiederaufbau der Trakehner Zucht in der Bundesrepublik Deutschland. In die spätere DDR waren ungefähr ebenso viele Stuten gelangt, darunter viele ohne Abstammungsnachweis.

Der Typ und der Habitus des Trakehner Pferdes mit seiner unverwechselbaren Ausstrahlung wurde während seiner fast bald 300-jährigen Geschichte trotz aller bitteren Zäsuren konsequent und kontinuierlich in Reinzucht mit hohen Anteilen des englischen und arabischen Vollbluts entwickelt und bis zum heutigen Tag bewahrt. Gottlob hat das Trakehner Pferd als lebendes Kulturgut die Zeit überdauert. So werden heute zur Freude der Menschen nicht nur in Deutschland und Russland sondern auch in über 30 weiteren Ländern der Erde weiter Trakehner Pferde gezüchtet und als Sportpferde genutzt. Deren Vorfahren stammen ursprünglich von Pferden ab, die in Trakehnen und im ehemaligen Ostpreußen gelebt haben. Hier war ehemals die Wiege der edelsten und ältesten Reitpferderasse der Welt.

In diesem Jahr wurden auf der Hengstkörung in Neumünster in Schleswig-Holstein von 37 vorgestellten Junghengsten 13 gekört, d.h. zur Zucht zugelassen. Zu diesem Jahresereignis kommen viele Freunde des Trakehner Pferdes aus der ganzen Welt. Besonders spannend ist die Auktion, auf der die wunderschönen Hengste meistbietend versteigert werden. So fand auch der braune Siegerhengst mit dem Namen His Moment v. Millenium für 200 000,- Euro seinen neuen Besitzer. Wenn man sich die Namen der Ahnen dieses herrlichen Pferdes mal anschaut, so findet man in der 6.7.und 8. Generation solche Vorfahren wie Dampfross, Tempelhüter, Pythagoras, Hyperion u.a., die ehemals in Trakehnen zuhause waren. Auf diese Weise sorgen die heutigen Trakehner Pferde für den Nachruhm des ehemaligen Hauptgestüts Trakehnen.

Nicht erst seit 2015 sondern schon in der Vergangenheit begeistert der mittlerweile 13-jährige braune Trakehner Hengst Imperio v. Connery- Balfour xx, der gegenwärtig mit Hubertus Schmidt zur Spitze des deutschen und internationalen Dressursports zählt, die Welt des Reitsports. Dieser wunderbare Hengst mit der doppelten Elchschaufel machte sowohl züchterisch als auch sportlich Karriere. Fast in ähnlicher Weise wie er selbst stehen bereits seine beiden bekanntesten Söhne Heuberger und Schwarzgold im Rampenlicht des züchterischen und sportlichen Interesses. Imperio tritt unerschrocken und selbstbewusst auf, weiß durch eine überragende Trabtour und Bergauf-Galoppade zu glänzen und gehört dem deutschen Championatskader an. „ Es ist ein Traum, ihn zu reiten“ so Reitmeister Hubertus Schmidt, der mit ihm als Ersatzreiter die Reise zu den olympischen Spielen nach Rio antreten konnte. Für seine herausragenden Erfolge wurde Imperio erst jüngst anlässlich es Trakehner Hengstmarktes der Titel „ Trakehner des Jahres 2016“ verliehen. Mit diesem Ritterschlag gehört nun Imperio zur Aristokratie seiner Artgenossen.

Der Züchter Hartmut Keunecke, Strasburg, kann sehr stolz sein über die Erfolgsgeschichte seines Zöglings. Imperio war 2005 Reservekörungssieger. 2008 war er mit Anna Sophie Fiebelkorn Vize- Weltmeister der jungen Dressurpferde und Bundeschampion der fünfjährigen Dressurpferde. Nachdem er einige Zeit im Deckeinsatz war und auch eine Verletzungspause durchstehen musste, ist Imperio mit seinem ständigen Reiter Hubertus Schmidt nun seit drei Jahren wieder hoch erfolgreich auf Grand Prix- Niveau im Internationalen Dressursport. Auch Imperios Wurzeln im Sinne seiner zahlreichen Vorfahren erstrecken sich mal abgesehen von einigen namhaften Englischen Vollblütern ( Neckar xx , Ticino xx, Hyperion xx) bis ins Hauptgestüt Trakehnen. So haben schon in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts viele seiner Urahnen, wie die Hauptbeschäler Bussard, Waldjunker, Hirtensang, Termit, ,Arard und Fetysz ox, eine bedeutende Nachkommenschaft hervorgebracht.

Kein anderes Gestüt und kein anderer Name stehen immer noch so sehr als Sinnbild für die Hochkultur ostpreußischer Pferdezucht wie Trakehnen. Da die heutige Trakehner Zucht mit ihren herrlichen Pferden auch heute noch von den Vorleistungen unserer Väter und Vorväter zehrt, sollten die Liebhaber des Trakehner Pferdes sich vermehrt den Leitspruch „ Der Tradition verpflichtet und der Zukunft zugewandt“ zu Herzen nehmen. In diesem Sinne würde sich der “Verein der Freunde und Förderer des ehemaligen Hauptgestüts Trakehnen e. V.“, auch Trakehnenverein genannt, über neue Mitglieder und Gleichgesinnte sehr freuen. Es geht um die Erhaltung des Trakehner Schlosses, des Herzstückes jenes großen Gestüts, für die Nachwelt.

Dr. Horst Willer (Dezember 2016)



“Fanal“ - eines der berühmtesten Auktionspferde Trakehnens  

In jedem Jahr im Frühjahr wurden ca. 120 dreijährige Pferde - darunter auch die späteren Auktionspferde - in den Jagdstall eingestellt, angeritten und dann eine Saison im Trakehner Jagdgelände ausgebildet und erprobt. Zu den im Herbst und Frühjahr durchgeführten Auktionen der Jagd- und Reitpferde fanden sich die damals renommierten Turnier- und Rennreiter, bekannten Ausbilder, später auch vermehrt hohe Militärs sowie die Leiter großer Handels- und Reitställe aus dem In- und Ausland gern in Trakehnen ein. Im Hauptgestüt Trakehnen zu kaufen, hatte seine Vorzüge. Ein ähnliches Angebot an leistungserprobten und hochwertigen Sportpferden gab es in den 20-er und 30-er Jahren in Europa nur auf der großen Hunterschau in Dublin, wobei die dort präsentierten Pferde einen ganz anderen Typ verkörperten. In den 20-er Jahren waren Pferde ostpreußischer Abstammung in der „Großen Pardubitzer Steeple- Chase“ sehr häufig als Sieger hervorgegangen. Dies war die beste Werbung. 

Am Auktionstag wurden alle Pferde ab 8.30 Uhr an der Hand gezeigt und dann in zwei Abteilungen auf dem Reitplatz vor der Auktionshalle im Schritt, Trab und Galopp vorgeritten. Danach marschierten die Pferde im Schritt und in großen Abständen jeweils in kleinen Gruppen in die Bahn, wurden vor der Ehrentribüne durchpariert, verweilten dort wie ein Denkmal, indessen wurde ihre Abstammung bekannt gegeben. Ansonsten bot sich das übliche Bild: Großes Befragen der Gestütswärter und Reitburschen – sie kannten jedes Pferd mit seinen Stärken und Schwächen-, große Debatten im “Hotel zum Elch“, wo die Mehrzahl der Gäste Quartier bezogen hatte, und Dutzende von Kutschwagen, mit flotten Trakehner Pferden bespannt, die die zahlreichen Besucher von und zum Bahnhof Trakehnen fuhren. Besonders geschätzte Gäste wurden vom Landstallmeister zum Essen eingeladen. Um 13.15 Uhr schloss sich die Versteigerung an, die dann in der großen Reithalle stattfand. Die Auktionen verliefen immer sehr zügig und flott unter Leitung des jeweiligen Oberlandstallmeisters und im Zusammenwirken mit einem Auktionator, wobei dem ersteren u.a. die Aufgabe zukam, sofort nach dem Zuschlag schriftlich den Käufer festzuhalten. Da es zu jener Zeit noch kein Mikrophon gab, musste der Auktionator verständlicherweise über ein lautes Organ und gute Stimmbänder verfügen. Im Jahr 1938 war unter den vielen Kaufinteressenten erneut der Altmeister der deutschen Dressur-und Schulreiterei, Otto Lörke. Als gebürtiger Ostpreuße kannte er die besonderen Qualitäten der Pferde seines Heimatlandes, zumal er mit den Ostpreußen Kronos und Absinth, die er besaß und selbst ausgebildet hatte, durch deren Olympiasiege im Jahr 1936 mit Heinz Pollay bzw. Friedrich Gerhard bereits zu Ruhm und Ehren gekommen war. Diesmal hatte er mit Fanal v. Hausfreund a.d. Fanfare v. Astor, einen Rappen mit besonderen Reitpferdequalitäten, ausgewählt. Seine Jugendjahre hatte er in der Rappenherde in Gurdzen verbracht, dort wo immer schwarze Pferde und schwarzweiße Störche zuhause waren. Aber auch andere Interessenten hatten Gefallen an diesem wunderschönen Rappen gefunden. Ein Gebot übertraf das andere. Lörke blieb standhaft und bekam bei dem damaligen Spitzenpreis von 17000,- RM den Zuschlag.

Otto Lörke, Oberbereiter des letzten deutschen Kaisers, Ausbilder von zahlreichen Olympiapferden und zweimal deutscher Dressurchampion, 
mit seinem Trakehner " Fanal"  im starken Trab.

 Fanal trat nun wie einige andere Auktionspferde in einem Güterzug per Bahn die Reise nach Berlin-Krampnitz an. Dort hatte in der Heeresreitschule, der Nachfolgeinstitution der Kavallerieschule Hannover, Otto Lörke als ziviler Ausbilder sein Betätigungsfeld. Dort wurden damals schon auf die Teilnahme vieler Offiziere an den reitsportlichen Disziplinen der Olympiade 1940, die in Tokio stattfinden sollte, hingearbeitet. Mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges wurden alle diese Pläne hinfällig. Otto Lörke jedoch konnte in seinem Ausbildungsstall seine Dressurpferde, darunter auch Fanal, weiter fördern. Gegen Kriegsende, als allerorten durch die radikale Zerstörungen von Städten und Fabriken sowie unsägliches menschliches Leid und Elend sich Angst und Schrecken verbreitete, konnte Lörke in Berlin- Krampnitz nicht bleiben. Um seine Dressurpferde Fanal, Dorffrieden und Strachur vor dem Zugriff des nahenden Feindes zu retten, hatte er sie als Gespannpferde eingefahren und sich dann rechtszeitig mit Pferd und Wagen auf die Flucht gen Westen begeben. Getarnt als landwirtschaftliches Gefährt war er dann nach mehreren Aufenthalten und Einsätzen auf verschiedenen Bauernhöfen in einem kleinen Ort in der Nähe Braunschweigs gestrandet. Schließlich fanden er nach einer langen Odyssee, ebenso sein Meisterschüler Willi Schultheis und Hans Heinrich (“ Micky“) Brinckmann eine erste Bleibe in Westfalen im Gestüt Vornholz.
Der nicht nur züchterisch sondern auch reitsportlich versierte Gestütsherr, Clemens v. Nagel-Doornick, hatte die geniale Idee, den besten Reitern und Ausbildern ihrer Zeit, die noch unter den Kriegswirren zu leiden hatten, in seinem Gestüt wieder ein adäquates Wirkungsfeld zu geben. Schon bald konnte der Altmeister der Dressurreiterei, Otto Lörke, auf den ersten größeren Reitturnieren mit seinem Trakehner Fanal immer wieder die Zuschauer begeistern, wenn er in seinen zahlreichen Auftritten spielerisch die schwierigsten Lektionen eines Grand Prix präsentierte. “ An den Pferden, die er ausgebildet hatte, -darunter auch Fanal- waren gleichermaßen zu bewundern der Sekundengehorsam, die berstende Energie der hohen Versammlung und der Schwung in den freien Gängen, der die Pferde wie mit Siebenmeilenstiefeln vorwärtsträgt.“ So charakterisierte Oberlandstallmeister Gustav Rau in treffender Weise das besondere Talent jenes Reitergenies, der in jungen Jahren als Sattelmeister des Kaisers Wilhelm II dessen Pferde so vorzüglich gearbeitet hatte, dass seine kaiserliche Hoheit sich auf ihnen absolut sicher fühlen konnte.

Der Trakehner Fanal war nach dem letzten Krieg nicht nur das erfolgreichste Dressurpferd Deutschlands sondern auch das beste Pferd Otto Lörkes. Kriegsbedingt kam Fanal nie zum olympischen Einsatz. Jedoch war er für die beiden Olympiareiterinnen, Ida v. Nagel und Lieselott Linsenhoff, später ein willkommenes Lehrpferd. Dank einer soliden Ausbildung konnte dieses wunderbare Dressurpferd, das auch einige Lektionen der Hohen Schule wie beispielsweise die Levade beherrschte, sich bis ins hohe Alter die natürliche Frische, Geschmeidigkeit und Gehfreude bewahren. Noch mit zweiundzwanzig Jahren gewann Fanal Dressurprüfungen der Schweren Klasse. Am 21. November 1957 starb Otto Lörke, der Großmeister der deutschen Reiterei, der Dressurreiter und Pferde für drei Olympiaden ausgebildet hatte. Fanal erwies sich auch hier als treuer Wegbegleiter und durfte seinem Herren noch bis ans Grab folgen.

  

Dr. Horst Willer (Juni 2016)


Vom Hirtenpferd zum Rennchampion  

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts stand es in Trakehnen nicht zum Besten. Die Lebensverhältnisse und Löhne der Gestütsbediensteten und Landarbeiter waren recht karg. Vor allem die äußerst primitiven Wohnungen - sie stammten noch aus der Zeit des preußischen “Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhelm I- genügten nicht mehr den bescheidensten Ansprüchen. Sie waren ohne Ausnahme klein, feucht, dumpf, kalt und niedrig. Auch fehlte es an ausreichenden Stallungen, Laufplätzen und überdachten Bewegungsräumen für die lange Winterzeit. Viele Wiesen, Weiden und Äcker litten unter Staunässe und hatten ihre Ertragskraft eingebüßt. Dies schmälerte die Futtergrundlage und war  der Gesundheit der Pferde abträglich. Auch hier musste Abhilfe geschaffen werden. Da die Weideflächen noch nicht eingezäunt waren, mussten die Pferdeherden durch berittene Hirten beaufsichtigt werden.

Die Pferdeherden Trakehnens wurden bis zur Jahrhundertwende den ganzen Tag über von reitenden Hirten bewacht. Damit sich die Jungpferde und Stuten nicht nur im engen Pulk auf den Weiden bewegen konnten, ließ Landstallmeister v. Oettingen die Weiden einzäunen. Durch die Weidezäune kamen neben den Wasserläufen und trockenen Gräben auch die Hochsprünge ins Reit- Jagdgelände Trakehnens.

Oberlandstallmeister Graf Georg von Lehndorff erkannte rechtzeitig all` diese Mängel und berief im Jahr 1895 den vielseitig begabten und durchsetzungsfähigen Hippologen Burchard v. Oettingen zum Landstallmeister in Trakehnen. Mit ihm begann eine überaus segensreiche Ära für das Preußische Hauptgestüt, das mit einem umfangreichen Bau- und Meliorationsprogramm modernisiert wurde. Zuvor war in jener wirtschaftlich depressiven Phase  in Trakehnen im Jahr 1885 neben vielen anderen Fohlen ein Schimmelhengstfohlen zur Welt gekommen, das jenes preußische Hauptgestüt bereits einige Jahre später im ganzen Reich berühmt machen sollte. Dieser Neuankömmling erhielt den würdigen Namen „ Monarchist“ Seine Mutter war die Stute „Mongolei“, die von dem „Flügel“-Sohn „Passvan“ aus einer alten Schimmelfamilie abstammte. Sein Vater „ Hartenfels xx“, ein Sohn des „Charmant xx“, hatte es in den Graditzer Farben auf der Rennbahn zu respektablen Erfolgen gebracht. Nachdem der kleine Schimmelhengst gesund auf den weit ausgelegten Trakehner Weiden aufgewachsen war, stand ihm die erste Prüfung bevor. Konnte er als künftiger Beschäler ausgewählt werden oder musste er als Kavallerieremonte seinen Weg gehen? Leider mangelte es diesem edlen und gut gewachsenen Youngster  an Knochenstärke, so dass er für die Trakehner Zucht ausschied.  Auf Grund seines guten Charakters wurde Monarchist bereits als Drei- und Vierjähriger als Hirtenpferd bei den einjährigen Junghengsten im Vorwerk Jonasthal eingesetzt. Dann im Herbst 1889 anlässlich der großen Herbstauktion, zu der Kaufinteressenten aus den Kavalleriegarnisonen, aus Berlin und von Rhein und Ruhr nach Trakehnen angereist waren, war auch Monarchist unter den Auktionspferden. Als der noch unfertig wirkende Schimmelwallach mit seinen Schlappohren etwas schüchtern den Auktionsring betrat, stockte die Kauflust. Sogar versierte Pferdeleute schienen das große Potential dieses wunderbaren Pferdes nicht zu erkennen. Der Auktionator gab sich viel Mühe und konnte schließlich Monarchist für 1.200 Mark an Leutnant Ritgen von den Danziger Schwarzen Husaren zuschlagen.

Schon bald konnte dieser wunderbare Schimmelwallach mit der Trakehner Elchschaufel mit seinem neuen Besitzer im täglichen Training auf der Zoppoter Rennbahn zeigen, was in ihm steckt. In den folgenden Jahren gewann unter dem Jubel der Regimentskameraden Leutnant Ritgen mit Monarchist in jenem Ostseebad einige Rennen. Andere angehende Offiziere wurden nun auf das große Talent  aufmerksam. So war dann auch der junge Leutnant Gustav v. Plehwe vom 1. Leibhusarenregiment Nr.1 bereit, ein Mehrfaches des Ankaufspreises an seinen Regimentskameraden zu zahlen. 10 000 Mark soll letztlich der Preis gewesen sein. Gustav v. Plehwe sollte die richtige Entscheidung getroffen haben. Ein Sieg in den Großen Rennen in Königsberg, Insterburg, Osterode, Graudenz und Zoppot folgte auf den anderen. Im Rennverlauf bot das Paar zumeist das gleiche Bild. Monarchist blieb zunächst lange im Mittelfeld, um seine Kräfte zu schonen, konnte im Finish seine ganze Energie mobilisieren und vor dem Ziel seine Gegner hinter sich lassen. Aufgeregtheit war ihm fremd, stets blieb er ruhig und gelassen. „ Das weiße Biest“, wie er von den Reitern seiner Konkurrenten schon mal abschätzig genannt wurde, beherrschte gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die Rennbahnen des Ostens. Jeweils viermal hintereinander gewann Monarchist mit v. Plehwe in Königsberg das Prinz Albert- Rennen bzw. in Zoppot den Großen Preis von Westpreußen. Der Steepler Monarchist und sein ständiger Reiter waren damals die großen Stars und Lieblinge des Publikums. Wenn das Paar von fern angereist in Posen oder Breslau am Start war, kamen die Fans in Scharen, um ihre Helden zu bewundern. Die Erfolgsbilanz dürfte für einen Halbblüter – zu 85 % Vollblut- einmalig sein. Bei insgesamt 62 Starts war Monarchist 41 mal Sieger. Er brachte seinem Besitzer nicht nur zahlreiche Ehrenpreise ein sondern auch die beachtliche Gewinnsumme in Höhe von 66 800 Mark. Diese enspräche in heutiger Währung etwas mehr als 400 Tausend Euro. Ein naher Verwandter aus der gleichen Mutterlinie war  später das erfolgreiche Springpferd Morgenglanz v. Nana Sahib x, der fünfmal erfolgreich am Deutschen Springderby teilnahm, das er im Jahr 1930 einmal gewinnen konnte. Monarchist erhielt am Ende seiner Rennkarriere das Gnadenbrot auf dem Gut seines Reiters und Besitzers in Dwarischken bei Schirwindt nahe Trakehnen im Kreis Pillkallen. Nach seinem Tod im Jahr 1912 wurde ihm zu Ehren im dortigen Park ein Gedenkstein aufgestellt. Mit Monarchist als der Ikone der Trakehner Zucht konnte sich in der Folgezeit unter der Ägide des Landstallmeisters Burchard v. Oettingen das Preußische Hauptgestüt schon frühzeitig zu dem modernen Leistungszentrum und Musterbetrieb der deutschen Pferdezucht, aber auch zu dem später oft gerühmten Paradies der Pferde, entwickeln.

  

Dr. Horst Willer (April 2016)


Was sollte ein Besucher des ehemaligen Ostpreußens wissen?

Ostpreußen mit seiner Haupt- und Kulturstadt Königsberg war ein fruchtbares Agrarland mit einer ausgeprägten Vieh- und Pferdezucht. Auf einer Reise von Berlin nach Königsberg Ende der 30iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts soll ein Regierungsrat einen Schaffner danach gefragt haben, was jeder, der Ostpreußen bereise, über das Land wisse müsse.

Die Antwort lautete: „Nun ja, was Sie wissen müssen, dass ist der auf der Landestierschau hochprämierte Bulle Winter, und dann natürlich das ist der berühmte Trakehner Hengst Tempelhüter. Wenn sie dann noch beiläufig den Immanuel Kant erwähnen, dann sind Sie ein gemachter Mann bei den Leuten.“

Am 20. Dez. 1905 war jener Spross zur Welt gekommen. Dieses Hengstfohlen von Perfektionist xx, dass später der Trakehner Zucht so viel Ruhm und Ehre einbrachte, bekam schon in jungen Jahren den verheißungsvollen Namen Tempelhüter. Seine Mutter Teichrose v. Jenissei- Cliff`s Brow xx  entstammte der größten der fünf Trakehner Hauptfamilien, der Teresina-Linie, die die besten Halbblutstämme der Trakehner Zucht in sich vereinigt. Dieser Linie entstammen so bedeutende Vererber, wie Termit, Tropenwald, Thyrann und Totilas. Tempelhüter wurde  1908 gekört und später Hauptbeschäler in Trakehnen.  Er lieferte in den 16 Jahren seines Wirkens in Trakehnen nicht weniger als 56 Beschäler, 60 Mutterstuten und für den Jagdstall 107 Reit- und Turnierpferde sowie 7 Remonten.

Leider wurde das Hauptgestüt Trakehnen mit seinen edlen Pferden  Opfer des Zweiten Weltkrieges. Nach der Übernahme Ostpreußens durch die Rote Armee wurde das Tempelhüter Denkmal als Siegestrophäe nach Moskau verbracht. Es befindet sich noch  heute im Moskauer Pferdemuseum der K.A. Timirazev - Agrarakademie Moskau.
Seit Ende September 2013 schmückt zur Freude vieler Besucher der Neuzeit  wieder ein zweiter Abguss desselben  die Vorderseite des ehemaligen Landstallmeisterhauses in Trakehnen (jetzt Jasnaja Poljana).

 

Die beiden Fotos zeigen Vater und Sohn.  

Dr. Horst Willer (Feb. 2016)


Ein erster Anfang für eine vielschichtige und hoffentlich einmal sehr umfangreiche Sammlung historischer Informationen und Fakten soll an dieser Stelle zunächst mit der Festrede von Herrn Dr. Horst Willer gemacht werden, mit der die Gäste der Festveranstaltung am 20.09.2007 in Trakehnen/Jasnaja Poljana einen spannenden Eindruck von der 275jährigen Geschichte dieses Ortes und seiner Bewohner vermittelt bekamen:

 

Festrede – „Das einstige Hauptgestüt Trakehnen“
Dr. Horst Willer - Verein der Freunde und Förderer des ehemaligen Hauptgestüts Trakehnen

Verehrte Frau Direktorin Sanjuk, verehrte Ehrengäste, meine Damen und Herren,

Welch' ein erhebender Moment: Wir sind hier und heute genau an dem Ort, wo vor exakt 275 Jahren die ruhmreiche Geschichte der Ostpreußischen Pferdezucht begonnen hat. Trakehnen ist und bleibt die Urheimat des Trakehner Pferdes.

Trakehnen und seine lange legendäre Tradition haben die Pferdeliebhaber immer wieder in ihren Bann geschlagen. Lassen Sie die Historie dieses Ortes am heutigen Tag wieder lebendig werden.

Die wunderbaren Pferde mit der Elchschaufel werden hier nicht mehr gezüchtet. Dies ist Realität und stimmt uns wehmütig. Vieles, das den Menschen lieb und teuer war, wurde – Gott sei es geklagt - ein Opfer des Zweiten Weltkrieges und existiert nicht mehr, so auch das Hauptgestüt Trakehnen, jene Stätte der Hochkultur Ostpreußischer Pferdezucht.

Die schreckliche Vergangenheit und ein verheerender Krieg liegen lange hinter uns. Damals haben sich die Kriegsgegner unendliches Leid zugefügt. Auch das ist Realität.

Aus bitteren Erfahrungen haben wir gelernt. Nie wieder Krieg! Das ist unsere große gemeinsame Hoffnung, die unser Leben und Handeln bestimmt und auch künftig prägen möge.
Wirkliche Völkerverständigung wird nicht von Regierungen befohlen, sondern von Menschen gelebt und erlebt.
Über das Trakehner Pferd sind wir zu Freunden geworden.

Wir freuen uns sehr: Russen, Deutsche, Polen und Gäste aus den Baltischen Staaten sowie aus anderen Teilen der Welt können nun erstmals nach 1945 gemeinsam dieses Jubiläum in Russland festlich begehen.

Wir alle sind Gäste der Schulleitung, der Lehrerschaft und der Schüler von Jasnaja Poljana.
Ihnen, verehrte Frau Sanjuk, vielen herzlichen Dank für die Einladung zu dieser Geburtstagsfeier.

Am Anfang die frohe Botschaft: Die Pferde Trakehner Abstammung, obgleich sie kriegsbedingt in alle Winde, ja in viele Länder, verstreut worden waren, haben überlebt. Als beliebte Sportpferde konnten sie wieder in der ganzen Welt Fuß fassen.

Dies erfüllt uns immer wieder mit großer Freude und Genugtuung.

Unser Wissen über die Wiege der Pferde mit der Elchschaufel haben wir aus Berichten und Erzählungen von Menschen, die hier gelebt haben, hier tätig oder auch ehemals als Besucher hier gewesen sind.

Historische Ansicht des Landstallmeisterhauses

Beginnen wir in unserem Rückblick mit dem Mythos Trakehnen, der Faszination, die von dem damals größten Gestüt Europas, den Trakehner Pferden und den ehemals dort tätigen Menschen, die sich mit großer Passion, Treue und Sorgfalt für ihre Pferde einsetzten, ausging.

Ein namhafter Philosoph und Theologe hat einmal gesagt: Das Leben wird in der Tat nach vorwärts gelebt, aber rückwärts gewandt verstanden.

Was macht den Mythos Trakehnens aus? Unsere kollektive Erinnerung dazu ist überaus facettenreich.

Diejenigen, die sich besonders von dem reinen Naturerlebnis Trakehnens angezogen fühlen, haben Bilder wie diese vor Augen: die kilometerlangen Eichenalleen, die friedlich grasenden Stutenherden mit ihren Fohlen auf den riesigen Weideflächen der einzelnen Vorwerke, die prächtigen Parkanlagen mit den gepflegten Hecken und Wegen oder die Sommerresidenzen der Hauptbeschäler.

Menschen, die sich der Hippologie verschrieben haben, bekommen immer noch glänzende Augen, wenn solche namhaften Hauptbeschäler, wie Morgenstrahl, Dampfross, Perfektionist, Tempelhüter, Nana Sahib, Cancarra, Pilger, Hyperion, Pythagoras, und viele andere genannt werden.
Sie verkörperten schon damals den Prototyp des modernen und edelsten Reitpferdes weltweit.

Auch heute noch entbrennen in Fachkreisen heiße Debatten darüber, welches in Trakehnen die züchterisch konsolidiertere und wertvollere Stutenherde gewesen ist. War es nun die braune Herde in Kalpakin oder die Fuchsherde im Hauptwerk?

Züchterische Selektion nach Leistung - Trakehnen leistete schon zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in dieser Hinsicht Pionierarbeit. Hier wurden die jungen Hengste und Stuten erstmalig im Jagdfeld hinter der Meute auf Herz und Nieren geprüft.

Es war der Jagdstall, der den Trakehnern den Weltruf als harte Leistungspferde verschafft hat.
Nur Pferde mit hoher Leistungsbereitschaft und gutem Charakter, die den Test bestanden hatten, wurden zur Zucht zugelassen. Diese Art der Selektion war für die deutsche Pferdezucht revolutionär. Nach dem Vorbild Trakehnens entstand bereits 1926 in Zwion die erste Hengstprüfungsanstalt.

Auch für die späteren regelmäßigen Reitpferdeauktionen nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland hatte Trakehnen bereits Maßstäbe gesetzt. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, fanden in Trakehnen die in Pferdesportkreisen beliebten Reitpferdeauktionen statt. Die angebotenen Pferde waren keine unbeschriebenen Blätter. Sie waren bereits eine Jagdsaison im Jagdfeld gegangen und aufs Beste reiterlich erprobt. Zahlreiche Trakehner Auktionspferde zählten später zu den erfolgreichsten Turnier- und Rennpferden.

Ähnlich attraktiv wie die Auktionen war für die Turnier- und Rennreiter und alle Pferdesportbegeisterten aus Nah und Fern der jährliche Renntag im Oktober in Trakehnen anlässlich der Insterburger Turnierwoche. Das schwerste Jagdrennen mit 33 natürlichen Hindernissen war das v. der Goltz-Querfeldeinrennen, seine Länge betrug 6000 Meter. Trakehnen veranstaltete die Deutsche Pardubitz, so berichtete später der Sankt Georg über dieses große Ereignis.

Nicht zu vermeiden war der ein oder andere Sturz oder ein unverhofftes Bad im Pissakanal.
Von den vielen respektablen natürlichen Hindernissen sind vor allem der Reitdamm, der Judenweg mit dem Tränkegraben, der Pissakanal und der Hauptgraben in die Reitjagdgeschichte eingegangen.
Der Renntag und andere Jagdtage fanden dann zumeist im Hotel Elch ihren feuchtfröhlichen Ausklang.
Über jene Renntage und die sich daran anschließenden abendlichen Zusammenkünfte im Hotel Elch könnte der unter uns weilende Herr Alshuth noch lustige Geschichten erzählen.

Trakehnen war nicht nur Hauptgestüt mit mehr als tausend wertvollen Gestüts- und Zuchtpferden, sondern war auch ein landwirtschaftlicher Musterbetrieb mit ca. 6000 ha Weiden, Wiesen und Äckern.
Dazu gehörten 16 Gutshöfe, auch Vorwerke genannt. Sie wurden geführt von acht Wirtschaftsinspektoren. Die landwirtschaftliche Oberleitung oblag einem Oberamtmann.
Oberster Chef war der Landstallmeister. Ihm waren auch die zwei Gestütsveterinäre unterstellt.

Es galt nicht nur die Wiesen und Weiden zu pflegen, sondern auch beträchtliche Futtervorräte für die lange Winterperiode zu produzieren.
So mussten jährlich ca. 5000 t Rauhfutter - Heu, Luzerne und Kleeheu - sowie 2000 t Getreide eingebracht werden.
Gemessen an dem gesamten Personalbestand von über tausend Arbeitskräften war das Hauptgestüt ein mittleres Wirtschaftsunternehmen.

Das Betriebsergebnis wurde daran gemessen, ob es gelang, jährlich ca. 40 gekörte Hengste für die Landgestüte und ca.180 bis 200 Zucht- und Reitpferde, darunter auch einige Remonten, bereitzustellen.

Nun von den harten Fakten – sie können auch faszinieren - zu den Menschen in Trakehnen.
Es war, wie wir wissen eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich- jeder Mensch an seinem Platz – ihrer jeweiligen Aufgabe verpflichtet fühlte.
Da gab es die Gestütswärter, Gestüthilfswärter und Reitburschen, 140 an der Zahl, sie lebten in rührender Sorgsamkeit für ihre Pferde.
Da gab es die ca. 680 landwirtschaftlichen Arbeitskräfte, darunter wiederum die Gespannführer, Deputanten und freien Lohnarbeitskräfte.
Nicht unerwähnt bleiben sollen die über hundert Meliorationsarbeiter und Handwerker.
Wie groß die Passion der Menschen in Trakehnen für ihre Pferde war, bezeugt ihr besonderes Engagement während der Kriegszeit. Während die Männer im wehrfähigen Alter an der Front ihren Dienst leisteten, traten Rentner und Schüler im Gestüt an ihre Stelle.

Trakehnen war auch ein sich selbst versorgendes Dorf mit eigenem Bahnhof, Krankenhaus, Apotheke und einigen Schulen.

Betrachten wir das Ganze: Trakehnen war wirklich das Paradies der Pferde – ein optimales Zusammenwirken von anrührender und zugleich fruchtbarer Landschaft, Großzügigkeit der Gestütsanlage, hohem züchterischen Können und perfekter Harmonie von Pferd und Gestütspersonal.
Trakehnen hatte Vorbildfunktion, von dort gingen die entscheidenden Impulse für die gesamte Pferdezucht in Ostpreußen aus.

So glanzvoll Trakehnen im Rückblick erscheinen mag, so dürfen dennoch die mühevollen Anfänge und die harten Einschnitte, die Trakehnen in seiner 275-jährigen Geschichte erlebt hat, nicht unerwähnt bleiben.
Trakehnen entstand im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Nichts. Im äußersten Nordosten Preußens hatte eine Pestepedemie tausende Menschen dahingerafft. Weite Landstriche waren Sumpflandschaften und unkultiviert geblieben.

Aber am Anfang Trakehnens stand eine mutige Vision. König Friedrich Wilhelm I. fasste den Entschluss, in dem kleinen Ort Trakehnen und der nur schwer zugänglichen Wildnis zwischen Szirgupönen und Danzkehmen ein Zentrum der Pferdezucht gänzlich neu einzurichten.
Hier sollte der Grundstock für die fortan im eigenen Land zu züchtenden Soldatenpferde gelegt werden.
Gleichzeitig wurden Neuansiedler aus Mitteleuropa, vor allen die Salzburger Protestanten, in Ostpreußen willkommen geheißen.

Die umfangreichen Entwässerungs- und Rodungsarbeiten, an denen 600 Soldaten beteiligt waren, waren überaus mühevoll und nahmen mehr als sieben Jahre in Anspruch.

Im Mai 1732 war es dann soweit: Eine gewaltige Kulturleistung war vollbracht.
Sämtliche preußischen Gestütsabteilungen- sie waren bis dahin auf einzelnen Domänen verstreut- konnten nun in dem neuen “Königlichen Stutamte Trakehnen “ unter einheitlicher Leitung vereinigt werden.
Zu dem aus der Taufe gehobenen königlichen Privatgestüt gehörten schon damals die Gutshöfe Bajorgallen, Jonasthal, Gurdszen, Kalpakin, Guddin, Jodzlauken und Birkenwalde mit 1100 Pferden und 513 Mutterstuten. Da Trakehnen als Hauptgestüt von Anfang an Leit- und Vorbildfunktion für die späteren Landgestüte hatte, gilt 1732 auch als Gründungsjahr der Preußischen Gestütsverwaltung.

Verständlicherweise gab es erhebliche Anlaufschwierigkeiten: Das Pferdematerial war noch recht heterogen, die Fruchtbarkeit der Rodungsböden ließ noch sehr zu wünschen übrig, dazu kamen seuchenähnliche Krankheiten.
Während der Regentschaft Friedrich des Großen musste Trakehnen hohe Erträge zugunsten der Privatschatulle des Monarchen abwerfen. So wurden züchterisch wertvolle Trakehner Pferde verkauft oder an befreundete Regenten und Generäle verschenkt. Kaum hatte Trakehnen und die ostpreußische Pferdezucht Anfang des 19. Jahrhunderts einen ersten Aufschwung und eine erste Konsolidierungsphase erlebt, da brach mit den Napoleonischen Kriegen auch für Trakehnen eine erste schlimme Epoche herein.
Zweimal mussten alle Gestütpferde Trakehnens fliehen. Im Jahr 1806/7 zog sich Landstallmeister v. Below mit seinem Tross in das russische Litauen zurück und konnte ohne Verluste wieder in die Heimat zurückkehren.
Auf dem Rückzug Napoleons aus Russland 1812/13 war Oberschlesien der Fluchtort.Auch diesmal konnten fast alle Pferde gerettet und von Landstallmeister v. Burgsdorff wieder ins Heimatgestüt zurückgebracht werden. Dennoch hatte Napoleon durch seine verheerenden Feldzüge Preußen und seine Pferdezucht im Mark getroffen.

Nach dem 100-jährigen Gründungsjubiläum ging Trakehnen und die ostpreußische Pferdezucht endlich seiner ersten Blütezeit entgegen. Ab 1832 deckte Preußen seinen Bedarf an Remonten im eigenen Land. Die Ostpreußischen Pferde Trakehner Abstammung galten schon damals als das beste Kavalleriepferd der Welt. Widerstandsfähigkeit, Ausdauer und Anspruchslosigkeit waren deren besondere Qualitätsmerkmale.

Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges musste das Hauptgestüt Trakehnen erneut vollständig geräumt werden. Im Westen Deutschlands und in Oberschlesien fanden Menschen und Pferde Schutz. Sie konnten aber ohne allzu große Verluste in ihre Heimat zurückkehren. Der Wiederaufbau und der Neubeginn in Trakehnen gestaltete sich schwierig. Dennoch ging es schon bald nach Kriegsende und trotz der allgemein angespannten Wirtschaftslage in Deutschland in Trakehnen und Ostpreußen mit der Pferdezucht wieder bergauf.

Am 27. September 1932 - vor fast genau 75 Jahren- konnte Trakehnen in einem herrlichen Festakt sein 200-jähriges Gründungsjubiläum feiern. Viele Ehrengäste aus dem In- und Ausland, namhafte Züchter und alle Gestütsbewohner hatten sich vor dem Trakehner Schloss eingefunden. Dort wurde zur Feier des Tages das Tempelhüterstandbild enthüllt. Der bereits ergraute Tempelhüter beobachtete das Geschehen mit gespitzten Ohren.

Kein anderer Hauptbeschäler hat den Mythos Trakehnens nachhaltiger geprägt als dieser herrliche Sohn des legendären Englischen Vollblüters Perfektionist. Tempelhüter wurde nicht nur zum Symbol der ostpreußischen Edelpferdezucht, sondern auch des gesamten ehemaligen Ostpreußens.

Sie kennen die Anekdote des Regierungsrates, dem auf seiner Reise nach Ostpreußen der Schaffner, den er danach fragte, was man als Besucher von dem Land wissen müsse, antwortete:
“Nun ja, was Sie wissen müssen, das ist der Bulle Winter, und dann natürlich ist da der Hengst Tempelhüter! Wenn Sie dann noch beiläufig den Immanuel Kant erwähnen, mein Herr, dann sind sie ein gemachter Mann bei den Leuten.“

Das hohe Renommee Trakehnens fand viele Ausdrucksformen.
Rudolf G. Binding gab seiner Hommage an die edlen Trakehner und an das damalige Ostpreußen den großartigen Buchtitel “Heiligtum der Pferde“.
Oberlandstallmeister Gustav Rau wusste sehr wohl wovon er sprach, als er Anfang der 30-er Jahre in einer wirtschaftlich krisengeschüttelten Zeit folgende weitblickende Forderung erhob:
“Die Ostpreußische Pferdezucht besitzt in Trakehnen einen herrlichen Dom der Pferdezucht, der von jeher die Sachverständigen der ganzen Welt angzogen hat. Diese strahlende Perle deutscher Edelzucht muss auch in dem Deutschland der Sparsamkeit den Platz als Lehr- und Musterstätte behalten.“

Menschen machen Geschichte: Mit Trakehnen in seiner Erfolgsgeschichte verbinden sich eine Reihe hervorragender Landstallmeister, großartige Menschen von hoher Sachkompetenz und Pferdepassion.

Wie lautet doch eines der bekanntesten Bücher von Gräfin Marion Dönhoff? “Namen , die keiner mehr nennt.“ Wir wollen jedoch ganz bewusst einige der Persönlichkeiten am heutigen Tag in Würdigung ihrer unvergesslichen Leistungen und Verdienste nennen und auf diese Weise ihnen unseren Respekt und unseren Dank zum Ausdruck bringen.

Eine große Persönlichkeit in der Anfangsphase Trakehnens war Johann Friedrich v. Domhardt, Oberpräsident der Kriegs- und Domänenkammer von Gumbinnen.
Gegen den Willen des Königs stellte er erstmalig 11, später sogar 20 Landbeschäler für die bäuerliche Pferdezucht zur Verfügung. Damit war der Grundstein für eine planmäßige Landespferde- und Remontezucht gelegt.

Besonders nachhaltig und nicht richtungsweisend wurde die Trakehner Pferdezucht geprägt durch Oberlandstallmeister Graf v. Lindenau.
Er selbst unterzog alle Trakehner Pferde einer scharfen Selektion. Es galt die Spreu vom Weizen zu trennen. Weiterhin nahm er unter Beachtung des Blutanteils und des Exterieurs eine Aufteilung der Gestütspferde in einen Reit- und Wagenschlag vor. Gleichzeitig wurden die Stutenherden nach Farben auf die einzelnen Vorwerke aufgeteilt.

Eine weitere bahnbrechende Neuerung im Jahr 1787 - sie prägte das Gestütsleben bis zur Neuzeit - war die Einführung des Brandzeichens, der einfachen siebenzackigen Elchschaufel.
Dies sollte fortan zum unverwechselbaren Markenzeichen des ostpreußischen Hauptgestüts werden.
In jener Zeit entstanden neben zahlreichen Privatgestüten auch vier Landgestüte, die von Trakehnen aus geleitet wurden, wo erstmals als Landstallmeister Friedrich Carl v. Brauchitsch residierte.

Nach den verheerenden Napoleonischen Kriegen gelang Landstallmeister Friedrich v. Burgsdorf eine überaus segensreiche Aufbauarbeit in Trakehnen und Ostpreußen.
Lassen Sie mich nur die wichtigsten „Großtaten“ dieses genialen und tüchtigen Menschens nennen:
Erwerb einer Reihe hervorragender Veredlungshengste arabischer Abstammung im Orient und Import wertvoller Englischer Vollblüter, Erweiterung des Hauptgestüts um einige Vorwerke, Einführung der Fruchtwechselwirtschaft und Ausbau der Entwässerungskanäle, Gründung der ersten Remontedepots,
Einführung von Prämierungen und landwirtschaftlichen Ausstellungen.

Wir können uns freuen, dass wir Herrn Erdmann v. Burgsdorf und seine Tochter als Verwandte jenes verdienstvollen Landstallmeisters unter uns haben.

Schon bald wurde Ostpreußen mit über 200 Remontemärkten zu der Remonteprovinz mit dem dichtesten Pferdebestand Deutschlands. Die Pferdezucht war mehr und mehr zu einem Politikum geworden. In ihrem Zuchtziel musste sie sowohl den neuen Herausforderungen des Militärs als auch der aufstrebenden Landwirtschaft Rechnung tragen.

So folgten unterschiedliche züchterische Perioden der Veredelung und Verstärkung rasch aufeinander.
Trakehnen als Hauptgestüt musste dabei stets Vorreiter sein.

Wieder eine glückliche Fügung: Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein bereits erfahrener Gestütsdirektor mit vielseitigen Begabungen und großem Durchsetzungsvermögen an die Spitze des Hauptgestüts Trakehnen berufen, Burkhard v. Oettingen.
Zielstrebig und konsequent führte er Trakehnen in die Neuzeit.
Er baute nicht nur den Neuen Hof mit dem Auktions- und Boxenstall und der Reitbahn, sondern auch den Hauptbeschälerstall, die Hengstpaddoks sowie 60 moderne Wohnhäuser für die Bediensteten.
Auch die Entstehung vielfältiger parkähnlicher Anlagen sind ihm zu verdanken.
Sein Lebenswerk reichte aber noch viel weiter: Züchtung nach Leistung, dies war seine züchterische Maxime.
Folglich wurden alle herangewachsenen Pferde fortan in Trakehnen im Jagdfeld systematisch erprobt.
v. Oettingen war auch derjenige, der solche Spitzenvererber, wie Perfektionist xx und Nana Sahib ox, in Trakehnen zum Einsatz brachte.
Unter seiner Ägide wurde Trakehnen zum modernsten Gestüt Europas und zu dem sprichwörtlichen Paradies der Pferde.

Graf Sponeck, ein begnadeter Pferdemann und Jagd- und Rennreiter, hatte 1913 die Leitung in Trakehnen übernommen.
Er musste die schweren Zeiten des Krieges durchstehen und den Wiederaufbau Trakehnens leisten.
Mit seiner Amtszeit beginnt die Erfolgsgeschichte der Trakehner Leistungspferde im aufblühenden Turnier- und Rennsport.

In der Nachkriegsperiode war nicht mehr das schnelle und leichte Militärpferd gefragt, sondern mehr das etwas kräftigere umgängliche Wirtschaftspferd, das mühelos seine Arbeit auch in der Landwirtschaft verrichten konnte.

Der Aufgabe einer erneuten Verstärkung des Trakehner Pferdes musste sich kein Geringerer als Landstallmeister Siegfried v. Lehndorff stellen.
Diese Herausforderung hat er unter strikter Wahrung des Reinzuchtprinzips grandios gemeistert.
Mit den Hauptbeschälern Dampfross, Tempelhüter, Pirat, Jagdheld und Ararad, um nur einige zu nennen, gelang ihm die gewünschte Umformung in relativ kurzer Zeit.

Enormes hat dann in der Nachfolge der letzte Landstallmeister Trakehnens, Dr. Ernst Ehlert, geleistet. Als begabter Hippologe konnte er die Trakehner Zucht bis zu dem Zeitpunkt, als das schreckliche Ende des Krieges nahte, zu einer bis dahin nicht erreichten Blüte bringen.
Die ostpreußische Pferdezucht in bäuerlicher Hand und auf den großen Gütern befand sich zu jener Zeit gleichermaßen auf dem Höchststand.
Trakehnen hatte in den 30-er Jahren Kultstatus erreicht und war gleichsam zum Wallfahrtsort pferdegegeisterter Menschen aus aller Welt geworden. Im Sommer war der Pilgerstrom mit monatlich ca. 4000 Besuchern am größten.
Schon auf der Olympiade 1936 hatten die ostpreußischen Pferde acht Medaillen errungen. Eindrucksvoller konnte das große sportliche Leistungsvermögen dieser Rasse nicht unter Beweis gestellt werden.

Im Winter 1944/45 war es so weit: Der grausame Krieg ging seinem bitteren Ende entgegen.
Erst im allerletzten Augenblick konnten die Menschen aus Ostpreußen gen Westen fliehen, viele von ihnen in langen Trecks durch Schnee und Eis über das zugefrorene Haff. Darunter befanden sich auch die Menschen und herrlichen Pferde aus Trakehnen. Nur wenige erreichten den Westen Deutschlands und überlebten. An eine Rückkehr war schon bald nicht mehr zu denken.

Infolge des Kalten Krieges war das Kaliningrader Gebiet und damit auch Trakehnen über viele Jahrzehnte hinweg von der westlichen Welt hermetisch abgeriegelt.
Erst Anfang der neunziger Jahre, als das politische Tauwetter sowie Glasnost und Perestroika es ermöglichten, durften Deutsche, darunter auch Freunde des Trakehner Pferdes, wieder erstmals in den nördlichen Teil des ehemaligen Ostpreußens reisen.

Die Besucher berichteten von der überwältigenden Gastfreundschaft und der Offenheit der russischen Bevölkerung.

Die Zukunft lässt sich nur in gegenseitigem Respekt und friedlichem Miteinander gestalten. Diese Erkenntnis aus der bitteren Vergangenheit war von Anfang an in allen Begegnungen spürbar.

Im Westen war längst bekannt, dass auf den Wiesen und Weiden keine Trakehner Pferde mehr grasten. Dennoch war bei den ersten Besuchern die Enttäuschung riesengroß: Nur wenig von dem, was die Größe, den Glanz und die Einmaligkeit jenes Paradestücks der Preußischen Gestütsverwaltung ausmachte, war übrig geblieben.

Welch Wunder dennoch: Das Landstallmeisterhaus, auch gern Trakehner Schloss genannt, war weitgehend unversehrt geblieben. Es hatte die Zeit überdauert.
Schon seit vielen Jahrzehnten hatte die regionale Haupt- und Mittelschule im Trakehner Schloss und dem ehemaligen Reitburschenhaus ihre Heimstatt gefunden.

Ende der achtziger Jahre war die materielle Lebensbasis der russischen Bevölkerung in diesem Gebiet noch sehr schmal. Was konnte Besseres geschehen, als den Menschen uneigennützig mit wohltätiger Hilfe unter die Arme zu greifen.

Große Zustimmung fand unter den Freunden des Trakehner Pferdes in Deutschland und anderen Teilen der Welt die Zielsetzung, das Trakehner Schloss Schritt für Schritt zu renovieren.

Dieses Haus - es war bereits 1790 erbaut worden - war ehemals das Herzstück der großzügig angelegten Gestütsanlage. In ihm haben 12 Landstallmeister residiert.
Von dort aus haben sie bis zum Schluss die Geschicke des Hauptgestüts gelenkt.
In dem großen Arbeitszimmer fanden die wöchentlichen Beratungen des Landstallmeisters mit seinen Wirtschaftsdirektoren, Gestütsassistenten, Tierärzten, dem Rentmeister und dem Gestütsarchitekten statt.
In den Arbeitsräumen wurden vom Landstallmeister selbst die Bedeckungs-, Zucht-, und Aufstallungspläne erstellt.
Der Bedeutung dieses Hauses noch nicht genug: In der Jagd- und Besuchssaison und während der zweimaligen Reitpferdeauktionen im Jahr waren im Trakehner Schloss viele hochrangige Persönlichkeiten aus allen Teilen der Welt zu Gast.

Verehrte Frau Sanjuk, nun haben Sie in der Schloss Schule ihr “Reich“. Sie waren und sind sich der traditionsreichen Vergangenheit dieses Ortes voll bewusst.
Sicherlich können Sie sich noch gut an die ersten Begegnungen mit Herrn v. Lenski und später mit Herrn Hagen erinnern. Beide Seiten spürten schon bald, dass sie im Grund ihres Herzens die gleichen Ziele im Auge hatten.
Den jungen Menschen, ja gerade den Schülern und Schülerinnen, sollte eine verheißungsvollere Zukunft eröffnet werden. Gleichzeitig ging es darum, durch bauliche Restaurierungsmaßnahmen das kulturelle Erbe zu sichern und zu bewahren.

Auf Initiative des Trakehner Verbandes - die Herren v. Lenski und Lars Gehrmann waren die treibenden Kräfte - kam es 1993 zusammen mit der Kreisgemeinschaft Ebenrode/Stallupönen zur Gründung des Vereins der Freunde und Förderer des ehemaligen Hauptgestüts Trakehnen e. V.
Wir, Russen und Deutsche, können stolz auf das Erreichte sein.
Die gemeinsamen Anstrengungen haben sich gelohnt. Landstallmeisterhaus und Reitburschenhaus zeigen sich nun in einem neuen Kleid.
So wurden an den beiden Gebäuden nach und nach umfangreiche bauliche Erneuerungsmaßnahmen durchgeführt, angefangen bei der Trockenlegung der Grundmauern, dem Einbau neuer Fenster , der Renovierung der Fassaden und der vollständigen Erneuerung der Dächer.
Ohne großzügige Einzelspenden und Zuwendungen, für die wir sehr dankbar sind, wäre dieser bauliche Kraftakt nicht möglich gewesen.

Die Menschen, die nach dem Krieg als Fremde hier ihre neue Heimat gefunden haben, mussten auch erst allmählich die historische Vergangenheit erfahren. Sie wären überfordert gewesen, das neu aufzubauen, was untergegangen ist. Nur gemeinsam lässt sich das Erbe und die Erinnerung daran bewahren.

Sie, verehrte Frau Sanjuk, und ihr Lehrerkollegium werden alles in ihren Kräften Stehende tun – davon sind wir überzeugt -, um mit uns gemeinsam dafür zu sorgen, dass Trakehnen weiterhin lebt.

Wie schön wäre es, wenn nicht nur der ehemalige Turm schon bald wieder das Trakehner Schloss zieren, sondern auch das Tempelhüterdenkmal demnächst wieder an seinen angestammten Platz vor dem Schloss zurückkehren würde.

Ich komme zum Schluss und sage in voller Überzeugung: Trakehnen ist für viele, die die Menschen hier in Jasnaja Poljana mögen und dieses Land und die Trakehner Pferde lieben, wieder eine Reise wert.