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Geschichte des Hauptgestütes Trakehnen.

Ein erster Anfang für eine vielschichtige und hoffentlich einmal sehr umfangreiche Sammlung historischer Informationen und Fakten soll an dieser Stelle zunächst mit der Festrede von Herrn Dr. Horst Willer gemacht werden, mit der die Gäste deer Festveranstaltung am 20.09.2007 in Trakehnen/Jasnaja Poljana einen spannenden Eindruck von der 275jährigen Geschichte dieses Ortes und seiner Bewohner vermittelt bekamen:

 

Festrede – „Das einstige Hauptgestüt Trakehnen“
Dr. Horst Willer - Verein der Freunde und Förderer des ehemaligen Hauptgestüts Trakehnen

Verehrte Frau Direktorin Sanjuk, verehrte Ehrengäste, meine Damen und Herren,

Welch' ein erhebender Moment: Wir sind hier und heute genau an dem Ort, wo vor exakt 275 Jahren die ruhmreiche Geschichte der Ostpreußischen Pferdezucht begonnen hat. Trakehnen ist und bleibt die Urheimat des Trakehner Pferdes.

Trakehnen und seine lange legendäre Tradition haben die Pferdeliebhaber immer wieder in ihren Bann geschlagen. Lassen Sie die Historie dieses Ortes am heutigen Tag wieder lebendig werden.

Die wunderbaren Pferde mit der Elchschaufel werden hier nicht mehr gezüchtet. Dies ist Realität und stimmt uns wehmütig. Vieles, das den Menschen lieb und teuer war, wurde – Gott sei es geklagt - ein Opfer des Zweiten Weltkrieges und existiert nicht mehr, so auch das Hauptgestüt Trakehnen, jene Stätte der Hochkultur Ostpreußischer Pferdezucht.

Die schreckliche Vergangenheit und ein verheerender Krieg liegen lange hinter uns. Damals haben sich die Kriegsgegner unendliches Leid zugefügt. Auch das ist Realität.

Aus bitteren Erfahrungen haben wir gelernt. Nie wieder Krieg! Das ist unsere große gemeinsame Hoffnung, die unser Leben und Handeln bestimmt und auch künftig prägen möge.
Wirkliche Völkerverständigung wird nicht von Regierungen befohlen, sondern von Menschen gelebt und erlebt.
Über das Trakehner Pferd sind wir zu Freunden geworden.

Wir freuen uns sehr: Russen, Deutsche, Polen und Gäste aus den Baltischen Staaten sowie aus anderen Teilen der Welt können nun erstmals nach 1945 gemeinsam dieses Jubiläum in Russland festlich begehen.

Wir alle sind Gäste der Schulleitung, der Lehrerschaft und der Schüler von Jasnaja Poljana.
Ihnen, verehrte Frau Sanjuk, vielen herzlichen Dank für die Einladung zu dieser Geburtstagsfeier.

Am Anfang die frohe Botschaft: Die Pferde Trakehner Abstammung, obgleich sie kriegsbedingt in alle Winde, ja in viele Länder, verstreut worden waren, haben überlebt. Als beliebte Sportpferde konnten sie wieder in der ganzen Welt Fuß fassen.

Dies erfüllt uns immer wieder mit großer Freude und Genugtuung.

Unser Wissen über die Wiege der Pferde mit der Elchschaufel haben wir aus Berichten und Erzählungen von Menschen, die hier gelebt haben, hier tätig oder auch ehemals als Besucher hier gewesen sind.

Historische Ansicht des Landstallmeisterhauses

Beginnen wir in unserem Rückblick mit dem Mythos Trakehnen, der Faszination, die von dem damals größten Gestüt Europas, den Trakehner Pferden und den ehemals dort tätigen Menschen, die sich mit großer Passion, Treue und Sorgfalt für ihre Pferde einsetzten, ausging.

Ein namhafter Philosoph und Theologe hat einmal gesagt: Das Leben wird in der Tat nach vorwärts gelebt, aber rückwärts gewandt verstanden.

Was macht den Mythos Trakehnens aus? Unsere kollektive Erinnerung dazu ist überaus facettenreich.

Diejenigen, die sich besonders von dem reinen Naturerlebnis Trakehnens angezogen fühlen, haben Bilder wie diese vor Augen: die kilometerlangen Eichenalleen, die friedlich grasenden Stutenherden mit ihren Fohlen auf den riesigen Weideflächen der einzelnen Vorwerke, die prächtigen Parkanlagen mit den gepflegten Hecken und Wegen oder die Sommerresidenzen der Hauptbeschäler.

Menschen, die sich der Hippologie verschrieben haben, bekommen immer noch glänzende Augen, wenn solche namhaften Hauptbeschäler, wie Morgenstrahl, Dampfross, Perfektionist, Tempelhüter, Nana Sahib, Cancarra, Pilger, Hyperion, Pythagoras, und viele andere genannt werden.
Sie verkörperten schon damals den Prototyp des modernen und edelsten Reitpferdes weltweit.

Auch heute noch entbrennen in Fachkreisen heiße Debatten darüber, welches in Trakehnen die züchterisch konsolidiertere und wertvollere Stutenherde gewesen ist. War es nun die braune Herde in Kalpakin oder die Fuchsherde im Hauptwerk?

Züchterische Selektion nach Leistung - Trakehnen leistete schon zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in dieser Hinsicht Pionierarbeit. Hier wurden die jungen Hengste und Stuten erstmalig im Jagdfeld hinter der Meute auf Herz und Nieren geprüft.

Es war der Jagdstall, der den Trakehnern den Weltruf als harte Leistungspferde verschafft hat.
Nur Pferde mit hoher Leistungsbereitschaft und gutem Charakter, die den Test bestanden hatten, wurden zur Zucht zugelassen. Diese Art der Selektion war für die deutsche Pferdezucht revolutionär. Nach dem Vorbild Trakehnens entstand bereits 1926 in Zwion die erste Hengstprüfungsanstalt.

Auch für die späteren regelmäßigen Reitpferdeauktionen nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland hatte Trakehnen bereits Maßstäbe gesetzt. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, fanden in Trakehnen die in Pferdesportkreisen beliebten Reitpferdeauktionen statt. Die angebotenen Pferde waren keine unbeschriebenen Blätter. Sie waren bereits eine Jagdsaison im Jagdfeld gegangen und aufs Beste reiterlich erprobt. Zahlreiche Trakehner Auktionspferde zählten später zu den erfolgreichsten Turnier- und Rennpferden.

Ähnlich attraktiv wie die Auktionen war für die Turnier- und Rennreiter und alle Pferdesportbegeisterten aus Nah und Fern der jährliche Renntag im Oktober in Trakehnen anlässlich der Insterburger Turnierwoche. Das schwerste Jagdrennen mit 33 natürlichen Hindernissen war das v. der Goltz-Querfeldeinrennen, seine Länge betrug 6000 Meter. Trakehnen veranstaltete die Deutsche Pardubitz, so berichtete später der Sankt Georg über dieses große Ereignis.

Nicht zu vermeiden war der ein oder andere Sturz oder ein unverhofftes Bad im Pissakanal.
Von den vielen respektablen natürlichen Hindernissen sind vor allem der Reitdamm, der Judenweg mit dem Tränkegraben, der Pissakanal und der Hauptgraben in die Reitjagdgeschichte eingegangen.
Der Renntag und andere Jagdtage fanden dann zumeist im Hotel Elch ihren feuchtfröhlichen Ausklang.
Über jene Renntage und die sich daran anschließenden abendlichen Zusammenkünfte im Hotel Elch könnte der unter uns weilende Herr Alshuth noch lustige Geschichten erzählen.

Trakehnen war nicht nur Hauptgestüt mit mehr als tausend wertvollen Gestüts- und Zuchtpferden, sondern war auch ein landwirtschaftlicher Musterbetrieb mit ca. 6000 ha Weiden, Wiesen und Äckern.
Dazu gehörten 16 Gutshöfe, auch Vorwerke genannt. Sie wurden geführt von acht Wirtschaftsinspektoren. Die landwirtschaftliche Oberleitung oblag einem Oberamtmann.
Oberster Chef war der Landstallmeister. Ihm waren auch die zwei Gestütsveterinäre unterstellt.

Es galt nicht nur die Wiesen und Weiden zu pflegen, sondern auch beträchtliche Futtervorräte für die lange Winterperiode zu produzieren.
So mussten jährlich ca. 5000 t Rauhfutter - Heu, Luzerne und Kleeheu - sowie 2000 t Getreide eingebracht werden.
Gemessen an dem gesamten Personalbestand von über tausend Arbeitskräften war das Hauptgestüt ein mittleres Wirtschaftsunternehmen.

Das Betriebsergebnis wurde daran gemessen, ob es gelang, jährlich ca. 40 gekörte Hengste für die Landgestüte und ca.180 bis 200 Zucht- und Reitpferde, darunter auch einige Remonten, bereitzustellen.

Nun von den harten Fakten – sie können auch faszinieren - zu den Menschen in Trakehnen.
Es war, wie wir wissen eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich- jeder Mensch an seinem Platz – ihrer jeweiligen Aufgabe verpflichtet fühlte.
Da gab es die Gestütswärter, Gestüthilfswärter und Reitburschen, 140 an der Zahl, sie lebten in rührender Sorgsamkeit für ihre Pferde.
Da gab es die ca. 680 landwirtschaftlichen Arbeitskräfte, darunter wiederum die Gespannführer, Deputanten und freien Lohnarbeitskräfte.
Nicht unerwähnt bleiben sollen die über hundert Meliorationsarbeiter und Handwerker.
Wie groß die Passion der Menschen in Trakehnen für ihre Pferde war, bezeugt ihr besonderes Engagement während der Kriegszeit. Während die Männer im wehrfähigen Alter an der Front ihren Dienst leisteten, traten Rentner und Schüler im Gestüt an ihre Stelle.

Trakehnen war auch ein sich selbst versorgendes Dorf mit eigenem Bahnhof, Krankenhaus, Apotheke und einigen Schulen.

Betrachten wir das Ganze: Trakehnen war wirklich das Paradies der Pferde – ein optimales Zusammenwirken von anrührender und zugleich fruchtbarer Landschaft, Großzügigkeit der Gestütsanlage, hohem züchterischen Können und perfekter Harmonie von Pferd und Gestütspersonal.
Trakehnen hatte Vorbildfunktion, von dort gingen die entscheidenden Impulse für die gesamte Pferdezucht in Ostpreußen aus.

So glanzvoll Trakehnen im Rückblick erscheinen mag, so dürfen dennoch die mühevollen Anfänge und die harten Einschnitte, die Trakehnen in seiner 275-jährigen Geschichte erlebt hat, nicht unerwähnt bleiben.
Trakehnen entstand im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Nichts. Im äußersten Nordosten Preußens hatte eine Pestepedemie tausende Menschen dahingerafft. Weite Landstriche waren Sumpflandschaften und unkultiviert geblieben.

Aber am Anfang Trakehnens stand eine mutige Vision. König Friedrich Wilhelm I. fasste den Entschluss, in dem kleinen Ort Trakehnen und der nur schwer zugänglichen Wildnis zwischen Szirgupönen und Danzkehmen ein Zentrum der Pferdezucht gänzlich neu einzurichten.
Hier sollte der Grundstock für die fortan im eigenen Land zu züchtenden Soldatenpferde gelegt werden.
Gleichzeitig wurden Neuansiedler aus Mitteleuropa, vor allen die Salzburger Protestanten, in Ostpreußen willkommen geheißen.

Die umfangreichen Entwässerungs- und Rodungsarbeiten, an denen 600 Soldaten beteiligt waren, waren überaus mühevoll und nahmen mehr als sieben Jahre in Anspruch.

Im Mai 1732 war es dann soweit: Eine gewaltige Kulturleistung war vollbracht.
Sämtliche preußischen Gestütsabteilungen- sie waren bis dahin auf einzelnen Domänen verstreut- konnten nun in dem neuen “Königlichen Stutamte Trakehnen “ unter einheitlicher Leitung vereinigt werden.
Zu dem aus der Taufe gehobenen königlichen Privatgestüt gehörten schon damals die Gutshöfe Bajorgallen, Jonasthal, Gurdszen, Kalpakin, Guddin, Jodzlauken und Birkenwalde mit 1100 Pferden und 513 Mutterstuten. Da Trakehnen als Hauptgestüt von Anfang an Leit- und Vorbildfunktion für die späteren Landgestüte hatte, gilt 1732 auch als Gründungsjahr der Preußischen Gestütsverwaltung.

Verständlicherweise gab es erhebliche Anlaufschwierigkeiten: Das Pferdematerial war noch recht heterogen, die Fruchtbarkeit der Rodungsböden ließ noch sehr zu wünschen übrig, dazu kamen seuchenähnliche Krankheiten.
Während der Regentschaft Friedrich des Großen musste Trakehnen hohe Erträge zugunsten der Privatschatulle des Monarchen abwerfen. So wurden züchterisch wertvolle Trakehner Pferde verkauft oder an befreundete Regenten und Generäle verschenkt. Kaum hatte Trakehnen und die ostpreußische Pferdezucht Anfang des 19. Jahrhunderts einen ersten Aufschwung und eine erste Konsolidierungsphase erlebt, da brach mit den Napoleonischen Kriegen auch für Trakehnen eine erste schlimme Epoche herein.
Zweimal mussten alle Gestütpferde Trakehnens fliehen. Im Jahr 1806/7 zog sich Landstallmeister v. Below mit seinem Tross in das russische Litauen zurück und konnte ohne Verluste wieder in die Heimat zurückkehren.
Auf dem Rückzug Napoleons aus Russland 1812/13 war Oberschlesien der Fluchtort.Auch diesmal konnten fast alle Pferde gerettet und von Landstallmeister v. Burgsdorff wieder ins Heimatgestüt zurückgebracht werden. Dennoch hatte Napoleon durch seine verheerenden Feldzüge Preußen und seine Pferdezucht im Mark getroffen.

Nach dem 100-jährigen Gründungsjubiläum ging Trakehnen und die ostpreußische Pferdezucht endlich seiner ersten Blütezeit entgegen. Ab 1832 deckte Preußen seinen Bedarf an Remonten im eigenen Land. Die Ostpreußischen Pferde Trakehner Abstammung galten schon damals als das beste Kavalleriepferd der Welt. Widerstandsfähigkeit, Ausdauer und Anspruchslosigkeit waren deren besondere Qualitätsmerkmale.

Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges musste das Hauptgestüt Trakehnen erneut vollständig geräumt werden. Im Westen Deutschlands und in Oberschlesien fanden Menschen und Pferde Schutz. Sie konnten aber ohne allzu große Verluste in ihre Heimat zurückkehren. Der Wiederaufbau und der Neubeginn in Trakehnen gestaltete sich schwierig. Dennoch ging es schon bald nach Kriegsende und trotz der allgemein angespannten Wirtschaftslage in Deutschland in Trakehnen und Ostpreußen mit der Pferdezucht wieder bergauf.

Am 27. September 1932 - vor fast genau 75 Jahren- konnte Trakehnen in einem herrlichen Festakt sein 200-jähriges Gründungsjubiläum feiern. Viele Ehrengäste aus dem In- und Ausland, namhafte Züchter und alle Gestütsbewohner hatten sich vor dem Trakehner Schloss eingefunden. Dort wurde zur Feier des Tages das Tempelhüterstandbild enthüllt. Der bereits ergraute Tempelhüter beobachtete das Geschehen mit gespitzten Ohren.

Kein anderer Hauptbeschäler hat den Mythos Trakehnens nachhaltiger geprägt als dieser herrliche Sohn des legendären Englischen Vollblüters Perfektionist. Tempelhüter wurde nicht nur zum Symbol der ostpreußischen Edelpferdezucht, sondern auch des gesamten ehemaligen Ostpreußens.

Sie kennen die Anekdote des Regierungsrates, dem auf seiner Reise nach Ostpreußen der Schaffner, den er danach fragte, was man als Besucher von dem Land wissen müsse, antwortete:
“Nun ja, was Sie wissen müssen, das ist der Bulle Winter, und dann natürlich ist da der Hengst Tempelhüter! Wenn Sie dann noch beiläufig den Immanuel Kant erwähnen, mein Herr, dann sind sie ein gemachter Mann bei den Leuten.“

Das hohe Renommee Trakehnens fand viele Ausdrucksformen.
Rudolf G. Binding gab seiner Hommage an die edlen Trakehner und an das damalige Ostpreußen den großartigen Buchtitel “Heiligtum der Pferde“.
Oberlandstallmeister Gustav Rau wusste sehr wohl wovon er sprach, als er Anfang der 30-er Jahre in einer wirtschaftlich krisengeschüttelten Zeit folgende weitblickende Forderung erhob:
“Die Ostpreußische Pferdezucht besitzt in Trakehnen einen herrlichen Dom der Pferdezucht, der von jeher die Sachverständigen der ganzen Welt angzogen hat. Diese strahlende Perle deutscher Edelzucht muss auch in dem Deutschland der Sparsamkeit den Platz als Lehr- und Musterstätte behalten.“

Menschen machen Geschichte: Mit Trakehnen in seiner Erfolgsgeschichte verbinden sich eine Reihe hervorragender Landstallmeister, großartige Menschen von hoher Sachkompetenz und Pferdepassion.

Wie lautet doch eines der bekanntesten Bücher von Gräfin Marion Dönhoff? “Namen , die keiner mehr nennt.“ Wir wollen jedoch ganz bewusst einige der Persönlichkeiten am heutigen Tag in Würdigung ihrer unvergesslichen Leistungen und Verdienste nennen und auf diese Weise ihnen unseren Respekt und unseren Dank zum Ausdruck bringen.

Eine große Persönlichkeit in der Anfangsphase Trakehnens war Johann Friedrich v. Domhardt, Oberpräsident der Kriegs- und Domänenkammer von Gumbinnen.
Gegen den Willen des Königs stellte er erstmalig 11, später sogar 20 Landbeschäler für die bäuerliche Pferdezucht zur Verfügung. Damit war der Grundstein für eine planmäßige Landespferde- und Remontezucht gelegt.

Besonders nachhaltig und nicht richtungsweisend wurde die Trakehner Pferdezucht geprägt durch Oberlandstallmeister Graf v. Lindenau.
Er selbst unterzog alle Trakehner Pferde einer scharfen Selektion. Es galt die Spreu vom Weizen zu trennen. Weiterhin nahm er unter Beachtung des Blutanteils und des Exterieurs eine Aufteilung der Gestütspferde in einen Reit- und Wagenschlag vor. Gleichzeitig wurden die Stutenherden nach Farben auf die einzelnen Vorwerke aufgeteilt.

Eine weitere bahnbrechende Neuerung im Jahr 1787 - sie prägte das Gestütsleben bis zur Neuzeit - war die Einführung des Brandzeichens, der einfachen siebenzackigen Elchschaufel.
Dies sollte fortan zum unverwechselbaren Markenzeichen des ostpreußischen Hauptgestüts werden.
In jener Zeit entstanden neben zahlreichen Privatgestüten auch vier Landgestüte, die von Trakehnen aus geleitet wurden, wo erstmals als Landstallmeister Friedrich Carl v. Brauchitsch residierte.

Nach den verheerenden Napoleonischen Kriegen gelang Landstallmeister Friedrich v. Burgsdorf eine überaus segensreiche Aufbauarbeit in Trakehnen und Ostpreußen.
Lassen Sie mich nur die wichtigsten „Großtaten“ dieses genialen und tüchtigen Menschens nennen:
Erwerb einer Reihe hervorragender Veredlungshengste arabischer Abstammung im Orient und Import wertvoller Englischer Vollblüter, Erweiterung des Hauptgestüts um einige Vorwerke, Einführung der Fruchtwechselwirtschaft und Ausbau der Entwässerungskanäle, Gründung der ersten Remontedepots,
Einführung von Prämierungen und landwirtschaftlichen Ausstellungen.

Wir können uns freuen, dass wir Herrn Erdmann v. Burgsdorf und seine Tochter als Verwandte jenes verdienstvollen Landstallmeisters unter uns haben.

Schon bald wurde Ostpreußen mit über 200 Remontemärkten zu der Remonteprovinz mit dem dichtesten Pferdebestand Deutschlands. Die Pferdezucht war mehr und mehr zu einem Politikum geworden. In ihrem Zuchtziel musste sie sowohl den neuen Herausforderungen des Militärs als auch der aufstrebenden Landwirtschaft Rechnung tragen.

So folgten unterschiedliche züchterische Perioden der Veredelung und Verstärkung rasch aufeinander.
Trakehnen als Hauptgestüt musste dabei stets Vorreiter sein.

Wieder eine glückliche Fügung: Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein bereits erfahrener Gestütsdirektor mit vielseitigen Begabungen und großem Durchsetzungsvermögen an die Spitze des Hauptgestüts Trakehnen berufen, Burkhard v. Oettingen.
Zielstrebig und konsequent führte er Trakehnen in die Neuzeit.
Er baute nicht nur den Neuen Hof mit dem Auktions- und Boxenstall und der Reitbahn, sondern auch den Hauptbeschälerstall, die Hengstpaddoks sowie 60 moderne Wohnhäuser für die Bediensteten.
Auch die Entstehung vielfältiger parkähnlicher Anlagen sind ihm zu verdanken.
Sein Lebenswerk reichte aber noch viel weiter: Züchtung nach Leistung, dies war seine züchterische Maxime.
Folglich wurden alle herangewachsenen Pferde fortan in Trakehnen im Jagdfeld systematisch erprobt.
v. Oettingen war auch derjenige, der solche Spitzenvererber, wie Perfektionist xx und Nana Sahib ox, in Trakehnen zum Einsatz brachte.
Unter seiner Ägide wurde Trakehnen zum modernsten Gestüt Europas und zu dem sprichwörtlichen Paradies der Pferde.

Graf Sponeck, ein begnadeter Pferdemann und Jagd- und Rennreiter, hatte 1913 die Leitung in Trakehnen übernommen.
Er musste die schweren Zeiten des Krieges durchstehen und den Wiederaufbau Trakehnens leisten.
Mit seiner Amtszeit beginnt die Erfolgsgeschichte der Trakehner Leistungspferde im aufblühenden Turnier- und Rennsport.

In der Nachkriegsperiode war nicht mehr das schnelle und leichte Militärpferd gefragt, sondern mehr das etwas kräftigere umgängliche Wirtschaftspferd, das mühelos seine Arbeit auch in der Landwirtschaft verrichten konnte.

Der Aufgabe einer erneuten Verstärkung des Trakehner Pferdes musste sich kein Geringerer als Landstallmeister Siegfried v. Lehndorff stellen.
Diese Herausforderung hat er unter strikter Wahrung des Reinzuchtprinzips grandios gemeistert.
Mit den Hauptbeschälern Dampfross, Tempelhüter, Pirat, Jagdheld und Ararad, um nur einige zu nennen, gelang ihm die gewünschte Umformung in relativ kurzer Zeit.

Enormes hat dann in der Nachfolge der letzte Landstallmeister Trakehnens, Dr. Ernst Ehlert, geleistet. Als begabter Hippologe konnte er die Trakehner Zucht bis zu dem Zeitpunkt, als das schreckliche Ende des Krieges nahte, zu einer bis dahin nicht erreichten Blüte bringen.
Die ostpreußische Pferdezucht in bäuerlicher Hand und auf den großen Gütern befand sich zu jener Zeit gleichermaßen auf dem Höchststand.
Trakehnen hatte in den 30-er Jahren Kultstatus erreicht und war gleichsam zum Wallfahrtsort pferdegegeisterter Menschen aus aller Welt geworden. Im Sommer war der Pilgerstrom mit monatlich ca. 4000 Besuchern am größten.
Schon auf der Olympiade 1936 hatten die ostpreußischen Pferde acht Medaillen errungen. Eindrucksvoller konnte das große sportliche Leistungsvermögen dieser Rasse nicht unter Beweis gestellt werden.

Im Winter 1944/45 war es so weit: Der grausame Krieg ging seinem bitteren Ende entgegen.
Erst im allerletzten Augenblick konnten die Menschen aus Ostpreußen gen Westen fliehen, viele von ihnen in langen Trecks durch Schnee und Eis über das zugefrorene Haff. Darunter befanden sich auch die Menschen und herrlichen Pferde aus Trakehnen. Nur wenige erreichten den Westen Deutschlands und überlebten. An eine Rückkehr war schon bald nicht mehr zu denken.

Infolge des Kalten Krieges war das Kaliningrader Gebiet und damit auch Trakehnen über viele Jahrzehnte hinweg von der westlichen Welt hermetisch abgeriegelt.
Erst Anfang der neunziger Jahre, als das politische Tauwetter sowie Glasnost und Perestroika es ermöglichten, durften Deutsche, darunter auch Freunde des Trakehner Pferdes, wieder erstmals in den nördlichen Teil des ehemaligen Ostpreußens reisen.

Die Besucher berichteten von der überwältigenden Gastfreundschaft und der Offenheit der russischen Bevölkerung.

Die Zukunft lässt sich nur in gegenseitigem Respekt und friedlichem Miteinander gestalten. Diese Erkenntnis aus der bitteren Vergangenheit war von Anfang an in allen Begegnungen spürbar.

Im Westen war längst bekannt, dass auf den Wiesen und Weiden keine Trakehner Pferde mehr grasten. Dennoch war bei den ersten Besuchern die Enttäuschung riesengroß: Nur wenig von dem, was die Größe, den Glanz und die Einmaligkeit jenes Paradestücks der Preußischen Gestütsverwaltung ausmachte, war übrig geblieben.

Welch Wunder dennoch: Das Landstallmeisterhaus, auch gern Trakehner Schloss genannt, war weitgehend unversehrt geblieben. Es hatte die Zeit überdauert.
Schon seit vielen Jahrzehnten hatte die regionale Haupt- und Mittelschule im Trakehner Schloss und dem ehemaligen Reitburschenhaus ihre Heimstatt gefunden.

Ende der achtziger Jahre war die materielle Lebensbasis der russischen Bevölkerung in diesem Gebiet noch sehr schmal. Was konnte Besseres geschehen, als den Menschen uneigennützig mit wohltätiger Hilfe unter die Arme zu greifen.

Große Zustimmung fand unter den Freunden des Trakehner Pferdes in Deutschland und anderen Teilen der Welt die Zielsetzung, das Trakehner Schloss Schritt für Schritt zu renovieren.

Dieses Haus - es war bereits 1790 erbaut worden - war ehemals das Herzstück der großzügig angelegten Gestütsanlage. In ihm haben 12 Landstallmeister residiert.
Von dort aus haben sie bis zum Schluss die Geschicke des Hauptgestüts gelenkt.
In dem großen Arbeitszimmer fanden die wöchentlichen Beratungen des Landstallmeisters mit seinen Wirtschaftsdirektoren, Gestütsassistenten, Tierärzten, dem Rentmeister und dem Gestütsarchitekten statt.
In den Arbeitsräumen wurden vom Landstallmeister selbst die Bedeckungs-, Zucht-, und Aufstallungspläne erstellt.
Der Bedeutung dieses Hauses noch nicht genug: In der Jagd- und Besuchssaison und während der zweimaligen Reitpferdeauktionen im Jahr waren im Trakehner Schloss viele hochrangige Persönlichkeiten aus allen Teilen der Welt zu Gast.

Verehrte Frau Sanjuk, nun haben Sie in der Schloss Schule ihr “Reich“. Sie waren und sind sich der traditionsreichen Vergangenheit dieses Ortes voll bewusst.
Sicherlich können Sie sich noch gut an die ersten Begegnungen mit Herrn v. Lenski und später mit Herrn Hagen erinnern. Beide Seiten spürten schon bald, dass sie im Grund ihres Herzens die gleichen Ziele im Auge hatten.
Den jungen Menschen, ja gerade den Schülern und Schülerinnen, sollte eine verheißungsvollere Zukunft eröffnet werden. Gleichzeitig ging es darum, durch bauliche Restaurierungsmaßnahmen das kulturelle Erbe zu sichern und zu bewahren.

Auf Initiative des Trakehner Verbandes - die Herren v. Lenski und Lars Gehrmann waren die treibenden Kräfte - kam es 1993 zusammen mit der Kreisgemeinschaft Ebenrode/Stallupönen zur Gründung des Vereins der Freunde und Förderer des ehemaligen Hauptgestüts Trakehnen e. V.
Wir, Russen und Deutsche, können stolz auf das Erreichte sein.
Die gemeinsamen Anstrengungen haben sich gelohnt. Landstallmeisterhaus und Reitburschenhaus zeigen sich nun in einem neuen Kleid.
So wurden an den beiden Gebäuden nach und nach umfangreiche bauliche Erneuerungsmaßnahmen durchgeführt, angefangen bei der Trockenlegung der Grundmauern, dem Einbau neuer Fenster , der Renovierung der Fassaden und der vollständigen Erneuerung der Dächer.
Ohne großzügige Einzelspenden und Zuwendungen, für die wir sehr dankbar sind, wäre dieser bauliche Kraftakt nicht möglich gewesen.

Die Menschen, die nach dem Krieg als Fremde hier ihre neue Heimat gefunden haben, mussten auch erst allmählich die historische Vergangenheit erfahren. Sie wären überfordert gewesen, das neu aufzubauen, was untergegangen ist. Nur gemeinsam lässt sich das Erbe und die Erinnerung daran bewahren.

Sie, verehrte Frau Sanjuk, und ihr Lehrerkollegium werden alles in ihren Kräften Stehende tun – davon sind wir überzeugt -, um mit uns gemeinsam dafür zu sorgen, dass Trakehnen weiterhin lebt.

Wie schön wäre es, wenn nicht nur der ehemalige Turm schon bald wieder das Trakehner Schloss zieren, sondern auch das Tempelhüterdenkmal demnächst wieder an seinen angestammten Platz vor dem Schloss zurückkehren würde.

Ich komme zum Schluss und sage in voller Überzeugung: Trakehnen ist für viele, die die Menschen hier in Jasnaja Poljana mögen und dieses Land und die Trakehner Pferde lieben, wieder eine Reise wert.